Ethik

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Produktdetails

Titel: Ethik
Autor/en: Otfried Höffe

EAN: 9783406646317
Format:  EPUB
Eine Einführung.
Familiy Sharing: Ja
Beck C. H.

28. März 2013 - epub eBook - 128 Seiten

Beschreibung

Warum braucht der Mensch Moral, warum Ethik? Was unterscheidet die Moral von anderen Verbindlichkeiten menschlichen Handelns? Welche Grundmodelle der Ethik entwickelte die Philosophie im Laufe der Geschichte? Welche Fragen und Kontroversen sind in der heutigen Debatte relevant? Nicht zuletzt: Wie reagiert die Ethik auf die Herausforderungen einer globalisierten Welt in den Bereichen der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Umwelt? Wie setzt sie sich mit den Fortschritten in der Gentechnik und Humanmedizin auseinander?
Von einer Fundamentalethik über eine Anthropologie und eine Handlungstheorie bis zur Angewandten Ethik behandelt dieses Buch kurz, prägnant und allgemeinverständlich alle relevanten Themenfelder.

Inhaltsverzeichnis

1;Cover;1 2;Titel;3 3;Zum Buch ;2 4;Über den Autor ;2 5;Widmung ;4 6;Impressum;4 7;Inhalt;5 8;Vorwort;7 9;I. Was heißt philosophische Ethik?;9 9.1;1. Zum Begriff der Ethik;9 9.2;2. Anthropologische Grundlagen;11 9.3;3. Drei Stufen des Guten; das Böse;16 9.4;4. Praktische Philosophie;21 9.5;5. Interkulturelle Ethikdiskurse;24 10;II. Methoden;25 10.1;1. Deskriptive und präskriptive Ethik;25 10.2;2. Methodenvielfalt;26 10.3;3. Zwei metaethische Debatten;29 10.4;4. Drei Fehlschlüsse;31 10.4.1;4.1 Der Sein-Sollensfehler;31 10.4.2;4.2 Der moralistische Fehlschluß;32 10.4.3;4.3 Der naturalistische Fehlschluß;33 10.5;5. Grundriß-Wissen;36 11;III. Handlungstheorie und Ethik;38 11.1;1. Bewußt und freiwillig;38 11.2;2. Praktische Vernunft: Gründe und Motive;42 11.3;3. Praktischer Syllogismus;45 11.4;4. Streben oder Wollen;47 11.5;5. Zwei Exkurse;49 11.5.1;5.1 Anthropozentrik?;49 11.5.2;5.2 Determinismus?;50 12;IV. Grundmodelle der Ethik;53 12.1;1. Prinzip Glück: Eudaimonie;54 12.1.1;1.1 Erste Begriffe;54 12.1.2;1.2 Eudaimonismus: Aristoteles;56 12.1.3;1.3 Kritik am Eudaimonismus;59 12.2;2. Kollektivwohl: Der Utilitarismus;60 12.2.1;2.1 Der Grundgedanke;61 12.2.2;2.2 Kritik am Utilitarismus;63 12.3;3. Prinzip Freiheit: Autonomie;65 12.3.1;3.1 Kantische Ethiken;65 12.3.2;3.2 Handlungsfreiheit;66 12.3.3;3.3 Kategorischer Imperativ;68 12.3.4;3.4 Maximenethik;72 12.4;4. Moralkritik;73 12.4.1;4.1 Ethischer Relativismus;74 12.4.2;4.2 Entlarvende Moralkritik;75 12.4.3;4.3 Umwertung aller Werte: Friedrich Nietzsche;76 12.4.4;4.4 Ein verlorenes Paradigma? Niklas Luhmann;78 12.4.5;4.5 Rechtfertigende Moralkritik;79 12.4.6;4.6 Moralkritik zweiter Stufe;79 12.5;5. Kontraktualismus und Diskursethik;80 12.5.1;5.1 Gesellschaftsvertrag: Kontraktualismus;80 12.5.2;5.2 Diskursethik;82 13;V. Tugenden;83 13.1;1. Zum Begriff;83 13.2;2. Tugenden aus Selbstinteresse;86 13.2.1;2.1 Besonnenheit;86 13.2.2;2.2 Freigebigkeit;87 13.2.3;2.3 Gelassenheit;88 13.2.4;2.4 Heiterkeit;89 13.2.5;2.5 Aus Selbstinter
esse selbstvergessen;89 13.3;3. Tugend des Geschuldeten: Gerechtigkeit;90 13.3.1;3.1 Politische Gerechtigkeit;90 13.3.2;3.2 Soziale Gerechtigkeit;91 13.3.3;3.3 Personale Gerechtigkeit;92 13.4;4. Verdienstliche Tugenden: Solidarität und Wohltätigkeit;94 13.5;5. Urteilskraft;98 13.5.1;5.1 Klugheit;98 13.5.2;5.2 Moralische Urteilskraft in autonomer Moral;99 14;VI. Warum moralisch sein?;100 14.1;1. Eudaimonie: Lebenskunst;100 14.2;2. Gerechtigkeit: Geschuldet;104 14.3;3. Autonomie: Selbstachtung;104 15;VII. Angewandte Ethik;106 15.1;1. Drei Kompetenzen;106 15.2;2. Angewandte Ethik als Preis der Moderne;111 15.3;3. Ethikberatung;112 15.4;4. Ein aktuelles Beispiel;114 16;VIII. Ausblick: Über die Macht der Moral;116 16.1;Literatur;121 16.2;Personenregister;124 16.3;Sachregister;126


Portrait

Otfried Höffe, Gastprofessor für Rechtsphilosophie an der Universität St. Gallen, war bis zu seiner Emeritierung ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Tübingen. Er leitet die Forschungsstelle Politische Philosophie und ist Herausgeber der Reihen «Denker» und «Klassiker auslegen».

Leseprobe

II. Methoden


1. Deskriptive und präskriptive Ethik


Die drei Bedeutungen von Ethos erlauben zunächst zwei, am Ende drei grundverschiedene Betrachtungen, denen drei ebenso verschiedene Erkenntnisinteressen zugrundeliegen:

Man kann das Ethos entweder so beschreiben, wie es gegeben ist, oder von Gesichtspunkten des Guten her vorschreiben, wie es sein soll. Die erste, deskriptive oder empirische Ethik richtet sich auf die die mannigfachen Phänomene von Lebensformen, Gewohnheiten und Einstellungen, kurz: auf die positiv vorhandene, herrschende Moral. In ihrer anspruchsvollen Form versucht sie, über die bloße Beschreibung hinaus die positive Moral zu erklären, sie sogar zu einer empirischen Theorie menschlichen Verhaltens zu verallgemeinern.

Um erfahrungsgesättigt zu sein, ist es der philosophischen Ethik bzw. Moralphilosophie empfohlen, sich über die Empirie kundig zu machen. Weil dafür aber nicht die Philosophie selbst, sondern der bunte Strauß der empirischen Sozial- und Kulturwissenschaften zuständig ist, läßt sich die Philosophie vornehmlich auf die andere, präskriptive oder normative Ethik ein. Deren erste Stufe, die ethische Grundlagenforschung bzw. Fundamentalethik, klärt den Begriff des moralisch Guten und begründet ein Prinzip oder eine Mehrzahl von Prinzipien moralisch guten Handelns. Eine zweite Stufe, die Angewandte Ethik, befaßt sich mit den moralischen Prinzipien und Kriterien ausgewählter Lebensbereiche (s. Teil VII). Eine umfassende philosophische Ethik befaßt sich jedenfalls mit beiden, zunächst mit den Grundlagen, sodann mit exemplarischen Anwendungen.

2. Methodenvielfalt


Will normative Ethik philosophisch sein, so hat sie sich durch Begriffsklärung, Argumentation und Reflexion sowie durch jene
Voraussetzungslosigkeit auszuzeichnen, die nichts als ihrer Diskussion entzogen anerkennt. Als Ethik wird sie dabei von der Idee eines moralisch guten und gerechten Lebens geleitet. Mit dem Ziel, das sittliche Bewußtsein über sich aufzuklären, richtet sie keine Appelle an den Menschen, sondern bemüht sich um klare Begriffe und setzt sich mit Schwierigkeiten, etwa den drei genannten Konfliktstufen, und mit Einwänden auseinander. Ferner sucht sie ein leitendes Prinzip, ein Moralprinzip, gegebenenfalls dessen Plural, und ein Kriterium für Moral auf; sie klärt Voraussetzungen und Folgen moralischen Lebens und entwirft Grundhaltungen und Institutionen.

Eine Ethik, die diesem weiten Aufgabenfeld gerecht werden will, läßt sich auf eine Vielfalt von sich ergänzenden Methoden ein. Zwei Methoden sind schon praktiziert worden: (1) die Interpretation anthropologischer Befunde (Kap. I.2) und (2) die konstruktive Semantik (Kap. I.3); hier folgen weitere Methoden:

(3) Damit die Argumentation nicht gehaltlos, leer bleibt, muß sie sich einer empirischen Basis vergewissern. Wie man eine verbindliche Ausgangsbasis gewinnt, ist jedoch umstritten. Die hermeneutische (griechisch: Auslegung, Verstehen betreffende) Ethik (Joachim Ritter, Hans Georg Gadamer und deren Schüler, aber nicht der Ethik-renitente Martin Heidegger), und neuerdings der Sache nach auch der Kommunitarismus, behauptet, um die sittlich-politische Wirklichkeit in ihrer Geschichtlichkeit zu begreifen, den Vorrang der geschichtlichen Erfahrung vor der abstrakten Deduktion. Als Vorbild dafür gelten die praktische Philosophie von Aristoteles und von Hegel, an der sich Neoaristoteliker und Neohegelianer orientieren. Da die hermeneutische Ethik eine vorhandene Moral und Sittlichkeit auf die in ihr enthaltene Idee allgemeiner Verbindlichkeit hin auszulegen sucht, neigt sie zur Rechtfertigung des Bestehenden, o
hne es, wo es nötig wäre, im Namen der Moral auch zu kritisieren.

(4) Die von Franz Brentano und Edmund Husserl begründete, von Max Scheler und Nicolai Hartmann ausgebaute, heute aber weniger vertretene phänomenologische Ethik setzt bei einer Anschauung eigener Art an: In einer inneren Wahrnehmung (Intuition) wird der Bereich der idealen materialen Werte und ihr subjektives Korrelat aufgesucht, das moralische bzw. sittliche Bewußtsein, in dem sich die Werte als Sollensforderungen unterschiedlichen Ranges befinden. Durch die Analyse von Liebe und Sympathie, von Haß, Scham und Demut versucht zum Beispiel Scheler die «Sinnesgesetze des emotionalen Lebens» zu erhellen. Allerdings geht die Phänomenologie vom eigenen Bewußtsein aus, das aber ohne gezielte Abstraktion nicht das sittliche Bewußtsein schlechthin, sondern eine geschichtliche Gestalt und diese sogar in individueller Ausprägung bildet.

(5) In einem allgemeinen Sinn ist jede philosophische Ethik analytisch. Denn sie zerlegt ihren Gegenstand, das moralische Handeln, in seine verschiedenen Elemente und Aspekte und sucht diese methodisch zu bestimmen. Im engeren Sinn kann diejenige Ethik analytisch heißen, die einen intersubjektiv ver-bindlichen Ausgangspunkt analysiert, was sich freilich fast jede Ethik vornimmt: (5.1) Von G. E. Moore und dem späteren Wittgenstein beeinflußt, beschreibt, erklärt und kommentiert die sprachanalytische Ethik die Art und Weise, wie wir in der Umgangssprache moralische Ausdrücke (gut, richtig, auch Absicht, Freude, Gewissen, Handlung, Pflicht usw.) verwenden und wie wir moralisch argumentieren.

(5.2) Indem sie dabei um objektiver Wissenschaftlichkeit willen auf alle normativen Aussagen nachdrücklich verzichtet (Neutralitätsthese), versteht sie sich als Metaethik, die freilich nicht nur sprachanalytisch möglich ist (s. Kap.&
nbsp;II.3). Noch in zwei weiteren Hinsichten neigt die sprachanalytische Metaethik zu einer Selbstüberschätzung. Sie ist gar nicht so neu, denn seit Platon und Aristoteles hat jede philosophische Ethik metaethische Anteile, da sie ihre Grundbegriffe klärt und die Methoden der Ethik erörtert.

(5.3) Die normativ-analytische Ethik ist in einigen ihrer Gestalten mit der hermeneutischen Ethik verwandt. Denn sie geht beispielsweise von den sittlichen Urteilen lebenserfahrener Menschen aus und sucht deren moralische Urteile in ein widerspruchsfreies System zu bringen, das unsere Überzeugungen erklären, nur gelegentlich auch korrigieren soll (vgl. etwa John Rawls’ 1993 Gedanke des Überlegungsgleichgewichts und der sich daran anschließende Konstruktivismus). Diese kohärenztheoretische Gestalt der normativ-analytischen Ethik gerät dort in Schwierigkeiten, wo es zu den sittlichen Vorstellungen unterschiedliche Grundsätze und ihretwegen verschiedene Moralsysteme gibt. Deren Konkurrenz kann sie dann nicht mehr methodisch entscheiden. Das methodische Grundinteresse der normativ analytischen Ethik, die klare Explikation ihrer Begriffe und Argumente ist aber, zeigt die Philosophie seit Platon und Aristoteles, später Kant, nicht an eine Kohärenztheorie gebunden.

(6) Ob die Ethik bei der sittlich-politischen Wirklichkeit, bei idealen Werten oder dem sittlichen Bewußtsein, ob bei der Umgangssprache oder den Überzeugungen erfahrener Menschen ansetzt – die entsprechenden Analysen, behaupten Kritiker, bleiben von den im Ausgang (Vorwissen) enthaltenen, aber nicht thematisierten Grundansichten über den Mensch und die Welt abhängig. Durchschaut man die Abhängigkeiten, so werden sie gern als «metaphysische» Prämissen qualifiziert. Eine Ethik ohne Metaphysik versucht nun, ohne solche Prämissen auszukommen, obwohl keine bestimmte Ethik b
eanspruchen kann, völlig «metaphysikfrei» zu sein. Denn ihre Prämissen liegen nicht offen zutage. In der Regel werden sie erst dann offenbar, wenn das stillschweigend beanspruchte Verständnis von Welt und Mensch seine Tragfähigkeit verliert. Im übrigen bedeutet Meta-physik wörtlich: jenseits der Natur (physis), was für das moralisch Gute seinem Begriff nach zutreffen dürfte: Als Theorie eines die naturale Natur überschreitenden Gegenstandes, eben der (kritischen) Moral, dürfte eine streng metaphysikfreie Ethik schwerlich möglich sein.

(7) Die durch Kant begründete transzendentale Ethik untersucht die Bedingungen a priori der Möglichkeit von sittlicher Erfahrung. Auch sie geht von gewöhnlichen sittlichen Urteilen aus, ist also keinesfalls wirklichkeitsfremd. Sie abstrahiert aber von allen besonderen, oft kontroversen Inhalten und sucht die identische Form moralischer Grundsätze auf. Indem sie geschichtlich konkretes Sollen auf das Moment des Unbedingten zurückführt, leistet sie in einem emphatischen Sinn Begründung. Dazu gehört bei Kant der Versuch, im Gegensatz zur Vorstellung, Moral bzw. Sittlichkeit sei eine bloße Illusion, im Faktum der Vernunft die Wirklichkeit reiner moralisch-praktischer Vernunft aufzuweisen.

3. Zwei metaethische Debatten


In der im 20. Jahrhundert entwickelten Metaethik ragen zwei teilweise ineinander greifende Debatten heraus, eine erkenntnistheoretische und eine ontologische. Dabei stehen sich jeweils zwei Grundrichtungen gegenüber.

(1) In der erkenntnistheoretischen Debatte behauptet die eine Position, der schon von David Hume vertretene Nonkognitivismus, die Moral erlaube keine wissenschaftliche Erkenntnis. Denn sie entziehe sich den beiden Wahrheitskriterien, dem logisch-mathematischen Beweis und der Überprüfung durch Beobachtung...


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