
Mitreißend taucht der große amerikanische Schriftsteller Paul Theroux ein in die Kolonialwelt Burmas. Und führt vor Augen, wie aktuell Orwells Bedenken über Kolonialismus und autoritäre Macht bis heute bleiben.
Besprechung vom 09.09.2025
Ein Roman über den Orwell vor Orwell
Als an "Animal Farm" noch nicht zu denken war: Paul Theroux erzählt in "Burma Sahib" vom berühmten Schriftsteller als jungem Kolonialbeamten
Es ist ein Wagnis, einen 600 Seiten langen Roman aus der Perspektive eines Helden zu erzählen, der wenig tut, um sich die Anteilnahme des Lesers zu verdienen. Um unser Interesse zu wecken, gibt deshalb der Verlag bereits auf dem Cover an, es handle sich bei Paul Theroux' Buch um "ein phänomenales Porträt des jungen George Orwell". Die Qualität solcher Romanbiographien lässt sich leicht daran bemessen, ob sie auch ohne das Wissen um die Prominenz der Protagonisten der Lektüre wert wären.
Paul Theroux ist ein routinierter Autor; mehr als die Hälfte seiner etwa vierzig Bücher sind Reisereportagen. Den exzessiven Beschreibungen des Exotischen, die er versiert mit den Seelenzuständen seines Helden kurzschließt oder als kontrastierenden Hintergrund zu den armseligen Zuständen nutzt, kommt das zugute. Auch Orwells Debüt "Down and Out in Paris and London" war eine Feldstudie aus der Welt der Großstadtslums.
Ein Jahrzehnt bevor der Autor sich George Orwell nannte und mehr als zwei, ehe ihn seine Longseller "Animal Farm" und "1984" berühmt machten, setzt die Handlung ein. Eric Blair, so Orwells bürgerlicher Name, ist noch keine zwanzig Jahre alt und auf dem Weg in die britische Kolonie Burma, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, der sich als kleiner Beamter um die Produktion und Lagerung von Opium für den chinesischen Markt kümmerte. So rechtschaffen, wie das klingt, war es nicht.
Blair junior tritt 1922 seinen Dienst bei der "Imperial Indian Police" an, deren Kontingent damals etwa 300.000 Polizisten umfasste, die im britisch "Raj" (bestehend aus Indien, Pakistan, Bangladesch, Bhutan und Burma, dem heutigen Myanmar mit einer damaligen Gesamtbevölkerung von dreihundert Millionen Menschen) für Ordnung sorgen sollten.
Blair durchläuft in Burma mehrere Stationen; jede steht für sein abermaliges Versagen, das ihn dem Spott seiner Vorgesetzten und Kollegen aussetzt. 1927 wird Blair im Rang eines "Assistant District Superintendent" seinen Dienst quittieren.
Von dieser Zeit erzählt Orwell in seinem ersten Roman "Burmese Day". Theroux nimmt Motive daraus auf, vor allem den Versuch eines indischen Freundes, der sich vergeblich um die Aufnahme in den britischen Klub bemüht, was ihn nicht davon abbringt, an seinem Glauben an das Empire verzweifelt festzuhalten.
Ein Zitat aus Orwells Roman stellt Theroux dem seinen voran: "Es gibt einen kurzen Zeitraum im Leben eines Menschen, in dem sein Charakter für immer festgelegt wird." Aus den folgenschweren Jahren in Burma versucht nun Theroux, Orwells lebenslangen Hass auf das britische Empire abzuleiten, ohne allerdings dessen spätere Skepsis allen Patentlösungen gegenüber zu begründen. Kenner der Biographie Orwells werden weitere Unstimmigkeiten feststellen, ungeduldige Leser sich an der Akribie stören, mit der Theroux Blairs Verstrickungen in diese Willkürherrschaft nachzeichnet. Doch die Wiederholungen der immer gleichen Erniedrigungen und Beleidigungen der einheimischen Bevölkerung sind notwendig, um das Systematische des kolonialen Unrechts offensichtlich werden zu lassen. Blair erlebt die brutalen Misshandlungen als einer, der sich zwar innerlich mit den Opfern solidarisiert und dennoch Mittäter bleibt. Er nimmt teil an sinnlosen Strafexpeditionen, die in einem Fall sogar zur Hinrichtung eines Unschuldigen führen.
Kann man mitleiden mit einem solchen Helden? Wenn, dann nur in der Art, wie wir uns mit Kafkas Held Josef K. identifizieren: als Opfer eines Systems, dessen Teil er ist. Auch strukturell hat Theroux' "Burma Sahib" eine gewisse Ähnlichkeit mit Kafkas "Prozess": Das gleiche Handlungsschema wird an verschiedenen Schauplätzen durchgespielt, eine heilsame Entwicklung kaum angedeutet.
Blair ist mit seiner Eton-Krawatte und seinen schriftstellerischen Ambitionen von Beginn an der Außenseiter, der er bleiben wird; was ihn weiter in diese Rolle drängt, sind vor allem die rassistischen Tiraden seiner Kollegen, die er widerspruchslos erträgt.
In seinem autobiographischen Roman "The Way to Wigan Pier" zieht Orwell eine Bilanz, die über Theroux' Diagnose hinausgeht: "Ich hatte alles auf die simple Theorie reduziert, dass die Unterdrückten immer im Recht sind und die Unterdrücker immer im Unrecht: eine irrige Theorie, aber die natürliche Folge davon, dass man selbst einer dieser Unterdrücker gewesen ist."
Burmas blutige Geschichte gibt ein abschreckendes Beispiel: Vor den Briten von einem Königspaar unterdrückt, das zur Sicherung des Throns etwa einhundert Mitglieder der eigenen Familien ermorden ließ, wird das heutige Myanmar seit Jahrzehnten von einer korrupten Militärdiktatur beherrscht und steht auf dem Demokratisierungsindex knapp hinter Nordkorea auf Platz 166 von 167 gelisteten Staaten. Das konnte Orwell nicht ahnen. Wie stark ihn seine Tage in Burma geprägt haben, zeigt sich ein letztes Mal daran, dass er bis kurz vor seinem frühen Tod an einem weiteren Roman über die Burma Sahibs arbeitete. Theroux' Buch ist dafür kein Ersatz, aber sein Thema bleibt aktuell. BERND EILERT
Paul Theroux: "Burma Sahib". Roman.
Aus dem Englischen von Cornelius Reiber. Luchterhand Literaturverlag, München 2025. 592,-, geb.
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