Bücher von japanischen Autoren und Autorinnen stehen immer öfter auf meiner Leseliste. Das Land, die Leute, die Sprache und die Kultur Japans haben mich vor Jahren in ihren Bann gezogen und mich bis dato nicht mehr losgelassen.
Obwohl die Bücher von den verschiedensten Personen geschrieben wurden und auch vielfältige Themen behandelt haben, gab es doch irgendwie eine Gemeinsamkeit. Die Bücher haben mich nachdenklich gestimmt, aber mich auch in eine positive Stimmung versetzt. Dieses Buch bildet hier die Ausnahme. Denn die Geschichte von Kanko ist sicher viel und man kann auch viel daraus mitnehmen, aber eine positive Grundstimmung sicher nicht.
Bis zu einem gewissen Grad war mir das bereits vor dem Lesen bewusst. Denn der Klappentext verrät schon einige der bedrückenden Themen, die in dieser Geschichte behandelt werden: Depression, Alkoholismus, Gewalt, Überforderung. Wie sehr die Autorin Rin Usami aber in die Abgründe der menschlichen Psyche eintaucht war mir im Vorfeld nicht bewusst.
Bewundernswert finde ich wie nüchtern die Autorin dabei vor geht. Es wird nichts beschönigt oder verborgen. Es gibt nicht die in vielen japanischen Werken verkommende blumige und poetische Sprache. Einfach, klar und mit wenigen Worten schafft es Rin Usami ein Familienbild zu erzeugen, dass nicht dysfunktionaler sein könnte.
Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der 17-jährigen Kanko. Und ich denke auch, dass ist es was mir besonders zu schaffen gemacht hat. Also nicht die Tatsache, dass die Geschichte von einer Jugendlichen erzählt wird. Aber wie es wird, wie normal der Umgang der einzelnen Familienmitglieder für Kanko ist. Ihre Normalität besteht aus emotionaler Kälte, Gewalt und Gehorsam.
Mit knapp 180 Seiten fällt das Buch ungewöhnlich dünn aus. Wobei mir dies beim Lesen nicht wirklich bewusst war. Die Autorin schafft es auf diesen verhältnismäßig wenigen Seiten so viel unterzubringen, dass ich das Gefühl hatte, einen 500 Seiten Roman zu lesen.
Meiner Meinung nach hat Rin Usami hier wirklich etwas großartiges erschaffen. Dennoch bin ich bezüglich einer Leseempfehlung sehr vorsichtig. Denn, obwohl ich das Buch auf jeden Fall als lesenswert empfinde, denke ich, dass man emotional gefestigt sein sollte um es Lesen zu können.