Sabine Welk hat ein Thema gewählt für ihren Roman, das heute noch Unwohlsein, Scham, totale Verschwiegenheit, Angst, Denunziationen und vor allem sehr unerfreuliche Erinnerungen an den Tag holt. Diejenigen, die sich bewusst an das Leben in und das Ende der DDR erinnern können, sind heute mindestens 50 Jahre, aber diejenigen, die wie die Protagonistin Alma den Unterdrückungs- und Bespitzelungsmechanismus der Staatssicherheit, der ersten Macht im Staate DDR, am eigenen Leib erlebt haben, die sind schon lange im Rentenalter. Schon zwischen diesen beiden Altersgruppen gibt es große Unterschiede, was aber ist mit den Enkeln, die die DDR nur vom Hörensagen kennen? Die im Westen großgeworden sind, haben davon noch weniger erfahren, die im Osten leben, haben meist eine Familie mit Anekdoten und Erinnerungen, oftmals leider schon etwas verklärt. Für mich ist deshalb dieses Buch so interessant, weil ich mich irgendwo zwischen den Protagonisten erlebe, zeitlich wie örtlich, geboren in Ostberlin und Anfang 70.
Der Roman beginnt im Jahr 2022, die junge Medizinstudentin Nele wird von ihrer Oma Alma angerufen und um Hilfe gebeten. Sie will am kommenden Sonnabend umziehen, von West nach Ost, von Lüneburg nach Binz auf Rügen, und nicht wie vermutet in ein Seniorenheim, sondern in eine eigene Wohnung. Und Nele, die sehr an ihrer Oma hängt, macht alles möglich, um ihr bei diesem ungewöhnlichen Vorhaben zu helfen. Der nächste Verwandte, den die beiden haben, ist Neles Vater Christian, der in Kalifornien lebt. Und demnach keine große Hilfe ist, auch später nicht. Schon am zweiten Tag in Binz, noch ist die Wohnung gar nicht fertig eingerichtet, platzt die Bombe. Nele findet die Stasiakte ihrer Oma, Alma Hollbeck, geborene Brendel, geboren am 01.11.1942 in Stralsund. Das Papier gibt Auskunft darüber, dass eine operative Personenkontrolle, eine OPK, für sie veranlasst wurde. Alma, eine studierte Medizinerin, arbeitete laut Akte in der Rezeption eines Hotels in Bergen. Nele traut ihren Augen nicht, versteht die Welt nicht mehr und beginnt zu graben. Welche Ungeheuerlichkeiten sie innerhalb weniger Tage ans Licht befördert, wie sie sich in einen anderen Medizinstudenten verliebt, dass sie sogar zum Surfunterricht geht, und wie sie versucht, dabei ihrer Oma zur Seite zu stehen und selbst die Nerven zu behalten, das liest sich spannend wie ein Krimi und herzzerreißend wie ein Liebesroman.
Die zweite Zeitebene, 1985 bis 1989 in Bergen auf Rügen: Alma ist in der Kirche fest verankert, schon dass allein lässt sie in den Augen der Staatssicherheit als unzuverlässig gelten. Noch arbeitet sie in einem Krankenhaus, aber ihre Tage dort sind gezählt. Sie ist eine Person, die die Wahrheit nicht verstecken will, versucht, sich Anordnungen von oben zu widersetzen, sich nicht kleinkriegen lassen will. Dass Alma und auch ihre Freunde teilweise recht naiv durch die letzten Jahre DDR gingen, lässt im Roman Fragen offen. Nicht nur aus heutiger Sicht, denn viele Gepflogenheiten der Stasi waren bekannt, wurden weitererzählt. Selbst die Kirche galt nicht immer als sicherer Raum und wer einen Ausreiseantrag wie es Alma dann endlich für sich und ihren Sohn Christian getan hat stellte, der war in jeder Hinsicht vogelfrei. Trotz vieler schlechter Erfahrungen glaubt Alma an das Gute im Menschen. Das konnte gefährlich, sogar lebensgefährlich sein.
Mir hat dieser Roman sehr gefallen, er beschäftigt sich mit den Druckmitteln eines Staates, die wir heute so nicht kennen. Für junge Leute wäre es wünschenswert, wenn sie darüber mehr erfahren und die oftmals inhaltslosen Floskeln über unsere Demokratie mit geschichtlich fundiertem Wissen beantworten würden. Romane wie dieser sind dafür ein gutes Fundament. Ein Zitat, das ich sehr treffend fand: Eine wilde Diskussion entfachte sich. Alle redeten durcheinander. »Das ist so lange her, was hat das noch mit uns zu tun?«, fragte der eine. Nele und ihr neuer Freund Tim werden sich auch damit beschäftigen.
Die andere Seite, das sind diejenigen, die ihrem Staat, ihrer Ideologie ohne Widerspruch dienen wollten, dieses Zitat Wie lange war man der Gute, der für das Gute kämpfte? Und wann war der Zeitpunkt gekommen, dass man unbemerkt selbst den Pfad des Guten verließ? erinnerte mich sehr an meinen Vater, er war Kommunist, Widerstandskämpfer, wurde nach der Befreiung vom KGB rekrutiert, arbeitete für die Stasi gegen solche Menschen wie Alma. Er war auch einmal ein Guter, aber er hat nicht gesehen, wann dieser Weg in die falsche Richtung ging. Er starb schon 1983, ohne diese Richtung noch gewechselt zu haben. Aber Alma, das war eine Frau wie meine Mutter, immer gegen Anweisungen von oben auf den Barrikaden, eine Frau mit Charakter, aber ohne DDR-Karriere.
Die Protagonisten sind alle lebendig und treffend beschrieben, auch wenn die Dialoge manchmal etwas steif klingen, für mich waren Alma und Nele eine wunderbare Entdeckung. Wer den Roman liest, wird den einen oder anderen Aha-Effekt haben, den ich vielleicht schon zu Beginn vorausahnte, aber ich bin ja auch nicht mehr Mitte zwanzig.
Fazit: Wer sich für Geschichte interessiert und nicht nur die Römer oder die letzten beiden Weltkriege betrachten will, der findet hier eine interessante Erzählung über einen Lebenslauf mit wahrem Hintergrund. Sehr beeindruckend.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.