Stimmungsvolle Geschichte - wenn die Berge vergewaltigt werden, ist Jämtland fast wie Tirol!
Jämtland liegt gar nicht so schrecklich weit nördlich in Schweden, wenn man das Land im Atlas betrachtet. Aber der Atlas täuscht: Der Norden ist dünn besiedelt und riesig und mit dem Auto sind es tatsächlich siebeneinhalb Stunden von Stockholm bis zum angesagten Wintersportort Åre. In der Gegend wüten die Bauspekulanten, der fragile Bergwald wird gefällt, um Platz zu machen für Chalets und Ferienhausanlagen, in denen die reichen Stockholmer ihre Skiferien verbringen und die an den restlichen fünfzig Wochen des Jahres leerstehen werden. Dennoch winken die Kommunalpolitiker die Pläne durch, in der Hoffnung auf Aufschwung und Jobs in der ebenso schönen wie verlassenen Gegend, in der sonst nicht viel zu finden ist, was einen Lebensunterhalt ausmachen könnte.Doch die Natur schlägt zurück. Ein gewaltiger Erdrutsch sperrt nicht nur die E14, die Hauptstraße im Tal, sondern gibt auch eine Leiche frei - die des seit Monaten vermissten Jonte Andersson. Jonte war ein junger Kerl, aus einer Familie armer Schafbauern, aber seine Leidenschaft galt der Musik: Abends legte er zum Après Ski als DJ auf und im alten Schlachthaus seiner Familie hatte er ein Tonstudio eingerichtet. Zum Ende der Saison war er verschwunden, und die Lokaljournalistin Vera Bergström wittert eine richtig gute Geschichte, wobei sie den Verdacht hat, dass die "Blindfische" von der örtlichen Polizei mal wieder keinen richtigen Peil haben von dem, was in Åre vorgeht.Autorin Sara Strömberg zeigt uns Jämtland sehr anschaulich. Die harten, langen, schneereichen Winter, die den Skibetrieb erst möglich machen, die Sommer mit Mücken und Regen und kurzen Nächten, die schwer zugänglichen Berghänge. Dann die Menschen: die Alten, die Eingesessenen, die Abgehängten, die keine Rolle mehr spielen in den Plänen, mit denen ein paar clevere Investoren und ihre Handlanger die Gegend brutal transformieren. Wer ein bisschen weiß, was in Wintersportgegenden in Tirol und Oberbayern in dieser Hinsicht abgeht, mag die Abgründe erahnen. Überhaupt finde ich viele Parallelen zu Geschichten aus dem Alpenraum hier in diesem doch ziemlich untypischen Krimi: Familienschicksale, die ein bisschen an Ludwig Thomas Bauernromane denken lassen; die Natur, die sich zu wehren scheint gegen die Gewalt, die ihr die Menschen antun.Die Geschichte nimmt nur langsam Fahrt auf, es passiert vieles gleichzeitig, die Erzählstimme ist ein wenig gewöhnungsbedürftig mit einer Icherzählerin, der sich zwei weitere Perspektivfiguren in dritter Person anschließen. So richtig warm werde ich nicht mit der Ermittlerin, einer achtundfünfzigjährigen Reporterin, geschieden, einsam und auf der ziemlich verzweifelten Suche nach einem Mann. Aber das ist nicht schlimm, das ist schließlich kein simpler Mitfieber- oder Wohlfühlkrimi. Sara Strömberg führt uns in ihre Heimat und zeigt uns, was alles kaputt ist, wie es zugeht, was da passiert und warum es am Ende doch schön und lebenswert ist und wert dafür zu kämpfen, es zu erhalten.Mir hat "Unter der Erde" im Ganzen besser gefallen als der erste Band der Reihe. Es wirkt alles ein kleines bisschen schlüssiger und passender. Im September 2026 soll Band drei rauskommen - ich freu mich drauf!