Mit Das Sanatorium habe ich genau das erwartet, was das Genre verspricht: Abgeschiedenheit, Kälte, ein unheimliches Setting und einen soliden Spannungsaufbau. Und tatsächlich funktioniert der Roman zu Beginn gut. Die kurzen Kapitel, die Perspektivwechsel und die langsam aufgeworfenen Fragen aus der Vergangenheit sorgen zunächst für einen angenehmen Lesefluss und eine ordentliche Grundspannung.Was überzeugend gelingt, ist der psychologische Druck auf die Hauptfigur Elin. Von verschiedenen Seiten - familiär, beruflich und durch ihre Vergangenheit - lastet spürbare Anspannung auf ihr. Diese innere Belastung wird glaubwürdig vermittelt, ebenso wie Elins Wahrnehmung der Nebenfiguren, die weniger durch Tiefe als durch klare, funktionale Charakterzüge wirken.Ab der Mitte verliert der Roman jedoch deutlich an Fokus. Elins Hintergrundgeschichte ist mit zwei großen traumatischen Ereignissen überladen, ohne sich erzählerisch klar für eines davon zu entscheiden. Dadurch wirken Rückblenden und innere Konflikte eher eingeschoben als organisch entwickelt. Auch emotional blieb ich auf Distanz - mit Elin konnte ich nie wirklich warm werden.Das zentrale Versprechen des Settings wird ebenfalls nur bedingt eingelöst. Das Gefühl von Isolation und Ausweglosigkeit bleibt überwiegend behauptet, wird aber kaum spürbar. Schnee, abgeschnittene Wege und ausbleibende Hilfe werden benannt, erzeugen jedoch keine echte Klaustrophobie oder Bedrohung - das Sanatorium bleibt Kulisse, kein Käfig.Zum Ende hin verzettelt sich der Roman weiter. Zwar werden die verschiedenen Auflösungsstränge grundsätzlich zu Ende erzählt, doch gerade darin liegt das Problem: Die Geschichte wirkt überfrachtet, als hätte man dem Sanatorium als zentralem Konflikt nicht mehr vertraut und deshalb einen zusätzlichen Handlungsstrang eingeführt, der thematisch und dramaturgisch fehl am Platz wirkt.Besonders schwach ist zudem die Art der Auflösung. Elin ermittelt im Grunde nicht aktiv, sondern die Wahrheit wird am Ende in Form von Rückblicken und nachträglichen Erklärungen präsentiert ("das fiel aus der Tasche", "das bedeutete jenes"). Indizien und Beweise werden nicht erarbeitet, sondern im Nachhinein aufgelöst. Auch die Zusammenfassung zentraler Erkenntnisse über einen Zeitungsartikel wirkt erzählerisch einfallslos und unterstreicht, dass es dem Roman nicht gelungen ist, seine Auflösung organisch aus der Handlung heraus zu entwickeln.Fazit:Das Sanatorium beginnt atmosphärisch und solide, verliert jedoch in der zweiten Hälfte zunehmend an Klarheit und erzählerischer Konsequenz. Gute Ansätze sind vorhanden, werden aber durch Überfrachtung und eine schwache Auflösung verspielt. Für Genre-Fans ein ordentlicher Thriller - für mich bleibt am Ende vor allem das Gefühl von verschenktem Potenzial.