Thriller für zwischendurch
"Das Retreat" hat mich mit seinem Setting sofort neugierig gemacht: eine abgelegene Insel, düstere Vergangenheit, ein Luxus¿Resort, das genau dort eröffnet wurde, wo einst ein Serienmörder sein Unwesen trieb. Die Atmosphäre funktioniert - rau, abgeschottet, leicht unheimlich - und bildet einen spannenden Kontrast zu dem Wellness¿Anspruch des Ortes.Elin Warner reist gemeinsam mit ihrem Kollegen auf die Insel, um den Tod einer jungen Frau zu untersuchen. Was zunächst wie ein tragischer Unfall wirkt, entwickelt sich schnell zu einem Fall mit vielen offenen Fragen. Dass Elins Partner und dessen Schwester ebenfalls in die Ereignisse hineingezogen werden, sorgt für zusätzliche Reibung, auch wenn diese persönlichen Verstrickungen manchmal etwas konstruiert wirken.Der Einstieg ist stark: Der Prolog verspricht Tempo und Härte, doch danach flacht die Spannung erst einmal deutlich ab. Über viele Kapitel hinweg plätschert die Handlung eher ruhig dahin, und die Ermittlungen wirken stellenweise unüberlegt - als würden Hinweise verfolgt, ohne sie wirklich zu hinterfragen. Dadurch entstehen Längen, die den Lesefluss bremsen. Auch die Figuren bleiben insgesamt blasser, als sie hätten sein können; da wäre mehr Tiefe möglich gewesen.Was das Buch aber rettet, sind die kurzen Kapitel und der insgesamt angenehm leichte Schreibstil. Sobald die Geschichte Fahrt aufnimmt, liest sie sich schnell weg, und gegen Mitte/Ende gibt es tatsächlich eine Wendung, die mich überrascht hat. Das Finale selbst bleibt allerdings etwas zahm und hinterlässt nicht den erhofften Nachhall.Unterm Strich ist "Das Retreat" ein solider, leicht zu lesender Thriller für zwischendurch - atmosphärisch, aber ohne große Wow¿Momente. Wer Lust auf ein abgeschottetes Setting und klassische Ermittlungsarbeit hat, wird hier gut unterhalten, sollte aber keine allzu tiefgehende Charakterzeichnung oder dauerhaft hohe Spannung erwarten.