Nüchterne und minimalistische Gesellschaftskritik. Wofür lebt man und wer entscheidet, was ein erfülltes und sinnvolles Leben ausmacht
Der Roman "Die Ladenhüterin" der japanischen Autorin Sayaka Murata ist 2018 im Aufbau Verlag in der deutschen Übersetzung von Ursula Gräfe erschienen. Die eigentliche Geschichte endet bereits auf Seite 145; die restlichen Seiten enthalten eine Leseprobe von Han Kangs "Menschenwerk". Ich habe infolge meiner Affinität zu asiatischen Schriftsteller:innen bereits einiges über Sayaka Murata gehört, wobei besonders oft von dem "Seidenraupenzimmer" gesprochen wurde. Aufgrund der Thematik und des Erscheinungsdatums habe ich mich aber zunächst für "Die Ladenhüterin" entschieden, um einen Zugang zu dem Schreibstil der Autorin zu finden. Japanische Literatur trifft für mich oftmals mit ihrer Kürze und nüchternen, zielsicheren Art genau den wunden Punkt, sodass sie im Kopf bleibt und lange nachwirkt. Genau das habe ich mir auch bei dieser Lektüre erwartet.Keiko Furukura bemerkt bereits als Kind, dass sie anders tickt als die anderen. Sie fühlt sich unverstanden und versteht das Verhalten der Gesellschaft ebenfalls nicht. Aus diesem Grund flüchtet sie sich in die klaren Strukturen eines Kombini. Der 24-Stunden-Supermarkt fühlt sich für sie wie eine Parallelwelt an, in der sie in der geschäftigen Atmosphäre völlig aufgeht. Dort beobachtet sie ihre Kolleg:innen und beginnt, die sozialen Verhaltensnormen ihrer Umgebung zu kopieren und zu verinnerlichen. Mit steigendem Alter stellt sie fest, dass sie sich nicht ewig vor den Erwartungen der Gesellschaft verstecken kann...Keiko erzählt in der Ich-Perspektive und in der Vergangenheitsform von ihren Erfahrungen im Kombini. Der Roman ist nicht in Kapitel unterteilt, sondern lediglich durch Absätze gegliedert. An einigen Stellen hebt sich der erste Buchstabe farblich ab und markiert beispielsweise den Beginn eines neuen Tages. Insgesamt kommt man schnell durch die Geschichte, da sie nüchtern, klar und minimalistisch gehalten ist.Der Charakter der Protagonistin spiegelt dies ebenfalls wider. Während man sich selbst über die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft ärgert, lassen sie diese eher kalt. Alles, was sie wirklich interessiert, sind die Arbeitsabläufe des Kombini und ihre eigene Funktionalität, um ihrer Arbeitsstelle bestmöglich zu dienen.Man könnte an dieser Stelle eine Kapitalismus-Kritik vermuten, ich denke jedoch, dass die Autorin vielmehr das Spannungsfeld zwischen der Individualisierung der Menschen einerseits und den Gesellschaftserwartungen andererseits aufzeigen möchte. Es geht darum, der Gesellschaft zu "nützen" und sich ihr nicht einfach zu entziehen. Frauen sollen entweder heiraten oder zumindest einen wertvollen und anspruchsvollen Job für die Gesellschaft übernehmen, wenn sie schon die Aufgabe der Reproduktion ausschlagen. Wie verfestigt diese Vorstellungen sind, merkt die Protagonistin am Beispiel ihrer eigenen Schwester:"Eine ,normale' Schwester mit ein paar Problemen machte sie weitaus glücklicher als eine ,unnormale' ohne Probleme. (S.119)Keiko versucht unentwegt, in das gesellschaftliche Bild zu passen, es entzieht sich ihr jedoch mit jedem Versuch wieder und lässt sie unglücklicher zurück als zuvor.Mir persönlich hat das Ende des Buches gefallen, da es versöhnlich mit Keiko umgeht und sie ihre "Liebe" findet. Ich mochte es, wie nüchtern die japanische Gesellschaft und ihre Erwartungshaltungen aufgezeigt werden. An einer Stelle werden Keiko so selbstverständlich Ratschläge über ihre Heirat gegeben, dass ich nur den Kopf schütteln konnte. Der Roman war an diesen Stellen unangenehm realistisch, denn diese gesellschaftlichen Vorstellungen lassen sich in vielen Ländern vorfinden. Man muss allerdings zugeben, dass der Roman handlungstechnisch nicht besonders viel zu bieten hat. Wer jedoch den japanisch-nüchternen Stil kennt und mag, wird hiermit seine Freude haben.