Ein außergewöhnlicher Roman über Erinnerung, Schuld und verdrängte Geschichte ¿ anspruchsvoll, bewegend, unvergesslich.
Die Lücken von Shida Bazyar - 4,5 ¿¿¿¿¿Obwohl Die Lücken erst mein drittes Buch von der diesjährigen Longlist für den Deutschen Buchpreis ist, wage ich schon jetzt zu behaupten:Hier hat für mich das richtige Buch den Preis gewonnen.Bisher kannte ich noch kein Buch von Shida Bazyar. Das wird sich definitiv ändern. Denn zu beschreiben, worum es in diesem Buch - oder besser gesagt: in diesem Werk - geht, ist gar nicht so einfach.Laut Inhaltsangabe des KiWi-Verlags geht es um eine fiktive Gemeinde im Hunsrück, in der sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in Mauern und Biografien eingenistet haben. Eine Gemeinde, die ihre Vergangenheit verschweigt und zugleich zum Zufluchtsort für Menschen wird, die eine neue Heimat suchen. Der Roman führt von jüdischen Familien, die alles verlieren, über NS-Profiteure, die sich später zu unschuldigen Mitläufern umdeuten, bis zu den Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran fliehen.Das alles stimmt - und trotzdem wird diese Inhaltsangabe dem Buch bei Weitem nicht gerecht.Denn Die Lücken ist für mich weit mehr als ein Roman.Vieles von dem, was Shida Bazyar erzählt, steht auf dem Fundament historischer Recherche und realer Ereignisse. Der fiktive Ort Heimesbach ist deutlich an Hermeskeil im Hunsrück angelehnt, dem Geburts- und Heimatort der Autorin. Bazyar hat sich intensiv mit der Geschichte dieses Ortes auseinandergesetzt und greift dabei teilweise auf konkrete historische Vorgänge und reale Personen zurück.So finden sich im Roman Namen realer Opfer wieder. Auch reale Täter finden Eingang in die literarische Konstruktion. Ein Beispiel ist Gustav Simon, der tatsächlich 1926 die NSDAP-Ortsgruppe in Hermeskeil gründete und später Gauleiter von Koblenz-Trier wurde.Gerade diese Verbindung von realer Geschichte und literarischer Fiktion macht das Buch für mich so besonders. Die Entscheidung, den Ort Heimesbach zu erfinden, gibt Bazyar die Freiheit, reale historische Ereignisse mit erfundenen Biografien und Familiengeschichten zu verweben.Und ich sehe darin einen großen Vorteil: So entsteht kein Sachbuch, sondern ein Roman, der Geschichte menschlich und emotional erfahrbar macht - und vielleicht auch Menschen erreicht, die zu einem Sachbuch niemals greifen würden.Obwohl ich mich seit Jahren mit diesen Themen beschäftige, musste ich beim Lesen immer wieder feststellen, wie viel ich selbst noch nicht wusste.Ein Beispiel dafür ist der Fall Ludwig Zind. Der Studienrat aus Offenburg äußerte sich 1957 erschreckend antisemitisch über einen jüdischen Kaufmann und widerrief seine nationalsozialistischen Überzeugungen auch später nicht. 1958 wurde er zu einem Jahr und einem Tag Gefängnis verurteilt. Der Fall löste eine breite Debatte über den fortbestehenden Antisemitismus in der jungen Bundesrepublik aus. Besonders erschütternd: Zind floh vor seiner Haft ins Ausland und erhielt aus Teilen der Öffentlichkeit sogar Sympathie. Ich hatte bis zur Lektüre dieses Buches noch nie von ihm gehört.Im Roman wird der Fall mit mehr als 700 antisemitischen Vorfällen verknüpft, an denen auch Bürger aus Heimesbach beteiligt waren. Historisch stehen diese wohl eher im Zusammenhang mit der Schändung der Kölner Synagoge. Dass Bazyar sie dennoch in Heimesbach einbindet, ist literarische Freiheit - und die Wirkung bleibt: Statt aufzuschreien, wurden die Bürger erneut zu Tätern.Und genau solche Momente hatte ich beim Lesen immer wieder. Dieses Buch hat mir nicht nur Geschichte erzählt. Es hat mir gezeigt, wie viele Lücken selbst in meinem eigenen Wissen noch vorhanden sind.Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive einer Verstorbenen, die nicht näher benannt wird und sich mit ihren Worten an Lu wendet. Auch Lu selbst wird zunächst nur in Ansätzen beschrieben.Bazyar erzählt nicht chronologisch. Personen, Perspektiven und Zeitebenen wechseln ständig. Wir springen durch Jahrzehnte und begegnen Menschen, deren Geschichten zunächst scheinbar getrennt sind.Hier lag für mich die größte Schwierigkeit des Romans.In früheren Zeitebenen werden häufig nur Vornamen genannt, später kommen die Familiennamen hinzu. Erst nach und nach konnte ich die Personen den Familien zuordnen; die Zusammenhänge erschlossen sich mir nur langsam.Das ist sicher bewusst eingesetzt und erzeugt Spannung. Gleichzeitig hat es meinen Lesefluss gebremst und mich teilweise überfordert.Das ist der einzige Grund, warum ich einen halben Stern abziehe.Damit möchte ich keinesfalls sagen, dass dieses Werk nicht fünf Sterne verdient hätte. Es ist schlicht mein persönliches Leseerlebnis. Paradoxerweise hat diese Schwierigkeit eine Konsequenz: Ich werde das Buch sicher ein zweites Mal lesen, denn jetzt, da sich die meisten Zusammenhänge erschlossen haben, wird sich noch viel mehr entdecken lassen.Denn die "Lücken" sind nicht nur fehlende Informationen in einer Ortschronik. Sie finden sich auch in Familiengeschichten, Erinnerungen und Biografien: Dinge, die bewusst verschwiegen oder verdrängt werden, weil man mit ihnen weiterleben möchte - und Dinge, die nie erzählt wurden, weil niemand mehr da war, der sie hätte erzählen können.Die Lücken können deshalb niemals vollständig geschlossen werden.Nach und nach entsteht trotzdem ein klareres Bild. Wir erkennen Verbindungen zwischen Menschen und Generationen, verstehen, wer zu wem gehört, wer profitiert hat, wer weggesehen hat und welche Geschichten bis heute fehlen.Besonders beeindruckt hat mich die Vielfalt der Protagonistinnen und Protagonisten.Es geht nicht nur um Nazis, Mitläufer und Opfer, sondern auch um Menschen, die später geboren oder zugezogen sind und trotzdem Teil dieses Geflechts werden.Besonders interessant fand ich die beiden iranischen Familien Sharifi und Karimpour. Beide kommen unter ähnlichen Voraussetzungen nach Heimesbach, entwickeln sich aber völlig unterschiedlich. Auch ihre Kinder gehen eigene Wege und finden ihren Platz in Deutschland.Gerade dadurch vermeidet Bazyar eine einfache Erzählung über Migration. Es gibt nicht die eine migrantische Erfahrung, sondern unterschiedliche Menschen, Hoffnungen, Entscheidungen und Vorstellungen von Heimat, Sicherheit und Zugehörigkeit.Und so wird Heimesbach zu einem Mikrokosmos, der weit über diesen fiktiven Ort hinausweist.Was mich ebenfalls beeindruckt hat, ist die Form. Die Kapitel sind unterschiedlich lang, sodass man nie weiß, wie lange man bei einer Person oder Zeitebene bleibt. Manchmal hätte ich gern länger bei einer Figur verweilt, andererseits bleibt dadurch die Spannung erhalten.Irgendwann erkennt man die Figuren wieder und stellt Verbindungen her. Aus vielen Geschichten entsteht langsam ein Gesamtbild.Und dann ist da die Sprache.Ich habe in anderen Rezensionen gelesen, dass Bazyars Sprache als besonders emotional beschrieben wird. Das empfand ich erstaunlicherweise ganz anders.Ihre Sprache wirkte auf mich häufig intellektuell distanziert, präzise, poetisch und außergewöhnlich.Und genau das hat bei mir etwas völlig Unerwartetes ausgelöst:Diese Distanz hat extreme Emotionen hervorgerufen.Das war etwas ganz Besonderes und habe ich so beim Lesen noch nicht erlebt.Bazyar erklärt uns nicht, was wir fühlen sollen. Vielleicht treffen ihre Sätze gerade deshalb so tief.Zum Beispiel:"Und als sie ihren Abschluss feierte, als Helga, der Stolz ihrer Mutter, endlich auf die Höhere Schule wechselte, waren die vier Heimanns bereits tot. Drei hatte man ermordet, in Lodz und in Riga."Oder:"Die Wahrheit hätte viel mehr Seiten gefüllt, und zur Wahrheit hätte gehört, dass man Ludwig Lichter in Hadamar und Friederike Lichter in Auschwitz ermordet hatte. Dass das Dorf entschieden hatte, zu glauben, was in der Chronik stand, so wie man ja auch entschieden hatte, kein Dorf mehr zu sein, sondern eine Stadt."Gerade diese Art des Erzählens ist mir unglaublich unter die Haut gegangen. Diese Sätze schreien nicht. Sie stehen einfach da. Und gerade deshalb sind sie so schwer auszuhalten.Für mich ist das eine Erzählkunst, die ihresgleichen sucht.Bazyar arbeitet nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Auch Täter und Mitläufer bekommen Raum - nicht um ihre Taten zu entschuldigen, sondern um sichtbar zu machen, wie Menschen ihre Vergangenheit umdeuten, verdrängen oder erträglich machen.Und damit wird Geschichte nicht zu etwas Abgeschlossenem, sondern wirkt bis in die Gegenwart.Genau deshalb halte ich Die Lücken für ein außerordentlich wichtiges Buch.Es zeigt, wie lange Geschichte nachwirkt, wie Erinnerung verändert werden kann und wie eine Gemeinschaft entscheidet, was sie wissen oder lieber vergessen möchte.Dieses Werk sollte meiner Meinung nach Pflichtlektüre in Deutsch- und Geschichtsleistungskursen werden.Denn wie könnte man fast neunzig Jahre deutscher Geschichte besser darstellen und zugleich zeigen, wie Vergangenheit bis in die Gegenwart wirkt - ohne den Leserinnen und Lesern vorzuschreiben, was sie denken sollen?Die Lücken fordert seine Leserinnen und Leser. Es verlangt Konzentration, das Herstellen von Verbindungen - und lässt einen nach der letzten Seite nicht los.Für mich ist es eines dieser Bücher, bei denen man am Ende nicht das Gefühl hat, alles verstanden zu haben, sondern das Bedürfnis, noch einmal von vorne anzufangen.Fazit:Die Lücken ist anspruchsvoll, fordernd und nicht immer leicht zu lesen - aber genau deshalb ein Buch, das bleibt. Shida Bazyar verbindet deutsche Geschichte mit persönlichen Schicksalen und zeigt, wie viel zwischen dem Gesagten und dem Verschwiegenen liegt. Ein außergewöhnliches Werk gegen das Vergessen, das mich tief beeindruckt hat und noch lange beschäftigen wird.