Die Lücken ist für mich ein sehr heißer Anwärter auf den Deutschen Buchpreis. Selten habe ich einen Roman gelesen, der sprachlich so präzise ist und gleichzeitig derart viele historische und gesellschaftliche Zusammenhänge miteinander verknüpft. Shida Bazyar schafft es, komplexe Sachverhalte in wenigen Sätzen auf ihre Essenz herunterzubrechen. Dabei erzählt sie nicht einfach von einem kleinen Ort im Hunsrück, sondern legt anhand dieses Ortes Strukturen frei, die weit über ihn hinausreichen.
Mich hat beeindruckt, wie deutlich der Roman zeigt, dass die Zeit des Nationalsozialismus keineswegs abgeschlossen hinter uns liegt. Ihre Spuren sind überall vorhanden, manchmal sichtbar, viel häufiger jedoch so sehr in den Alltag integriert, dass sie kaum noch wahrgenommen werden. Ein ehemaliger jüdischer Friedhof wird zur unscheinbaren Wiese, irgendwo in einem alten Schrank hängt noch eine Wehrmachtsuniform und in den Köpfen leben Vorstellungen weiter, deren Herkunft kaum noch hinterfragt wird. Gerade diese vermeintlich kleinen Beobachtungen fand ich enorm wirkungsvoll. Bazyar macht deutlich, wie sich Denkweisen über Generationen fortsetzen und wie eng historische nationalsozialistische Vorstellungen mit Rassismus und Ausgrenzung in der Gegenwart verbunden sind.
Sprachlich ist der Roman für mich herausragend - gleichzeitig aber auch alles andere als leicht zu lesen. Die Handlung verläuft nicht linear, es gibt zahlreiche Zeitsprünge und eine große Anzahl an Figuren. Immer wieder musste ich überlegen, ob mir ein Name bereits begegnet war und in welchem Zusammenhang. Eine Übersicht über die Familien und ihre Beziehungen hätte mir beim Lesen durchaus geholfen.
Allerdings, fand ich, liegt genau darin auch eine der großen Stärken des Romans. Erst nach und nach erkennt man Verbindungen zwischen Figuren, deren Geschichten zunächst völlig unabhängig voneinander erscheinen. Manchmal genügt ein Nachname, der erst viel später genannt wird, und plötzlich fügen sich zwei zuvor getrennte Erzählstränge zusammen. Diese Momente haben mein Verständnis einzelner Figuren mehrfach vollkommen verändert. Das macht die Lektüre anspruchsvoll, aber gleichzeitig auch so unglaublich spannend.
Interessanterweise blieben mir vor allem die Figuren im Gedächtnis, zu denen ich eine emotionale Verbindung aufbauen konnte. Viele der Menschen, die vom Nationalsozialismus profitierten, mitmachten oder später ihre eigene Rolle kleinredeten, verschwammen für mich dagegen zunehmend miteinander. Was für mich anfangs das Lesen und Verstehen schwierig machte, erschien mir im Laufe des Romans aber sogar sehr passend. Es waren ab einem bestimmten Zeitpunkt eben nicht mehr die Nachbarn XY, sondern ein einziger, wütender Mob in dem jede Individualität unerwünscht war.
Die Lücken ist kein Roman, den man nebenbei liest. Er fordert Konzentration und verlangt seinen Leser*innen einiges ab. Dafür bekommt man aber ein sprachlich beeindruckendes und gesellschaftlich relevantes Buch, das zeigt, wie Vergangenheit in Familien, Orten und Denkweisen weiterlebt. Gerade weil es dabei keine einfachen Antworten liefert, hat es mich nachhaltig beschäftigt.
Meine Empfehlung geht an alle, die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur mögen und bereit sind, sich auf eine komplexe Erzählstruktur einzulassen. Für mich ist Die Lücken ein außergewöhnlicher Roman, der deutsche Geschichte nicht als etwas Abgeschlossenes betrachtet, sondern danach fragt, wo sie bis heute weiterwirkt. Ein forderndes, kluges und für mich äußerst eindrucksvolles Buch.