Ein düsterer Thriller über Traumata und ihre psychologischen Folgen mit einer verzweifelten HAuptfigur
Ada Sabel ist am Tiefpunkt angekommen: Niemand glaubt ihr, dass ihre 14jährige Tochter Mara entführt worden ist; ihre kompromisslose Suche hat der Kommissarin beim LKA Wien sogar noch ihre Suspendierung und einen anstehenden Gerichtsprozess eingebracht, bei dem sie - zunächst widerwillig - von ihrer ehemals besten Freundin Heidi vertreten werden soll. Als im Donaukanal ein Boot mit einer darin liegenden kopflosen Leiche aufgefunden wird, in deren Rücken Adas Name eingeritzt ist, sieht Ada sofort den Zusammenhang mit ihrer entführten Tochter. Ihre Nachforschungen führen zu einem katholischen Kinderheim und in ihre eigene Vergangenheit ....Die freie Autorin und promovierte Rechtswissenschaftlerin Sophie Czerny legt mit "Totensee" ihr Thriller-Debüt vor, das viele Vorschusslorbeeren erhält und auch mich restlos überzeugen konnte.Das Setting beginnt und endet in Österreich, der Heimat der Autorin, führt die Leser*Innen aber auch nach Deutschland.Sophie Czernys düsterer Schreibstil geht auf in einer bedrückenden Atmosphäre, psychologischer Tiefe und einer Sprache, die das Unbehagen greifbar macht. Kurze Kapitel, zahlreiche Orts-, Zeit- und Perspektivwechsel treiben die Handlung voran und erzeugen eine atemlose Spannung; allerdings muss man sich hierauf einlassen, da sonst leicht der Überblick verloren gehen kann. Nachvollziehbare, überraschende Plottwists und ein Ende, in dem alle Fragen beantwortet werden, konnten mich vollauf überzeugen.Die Handlung lebt von der Hauptfigur Ada Sabel. Mit ihr hat Sophie Czerny eine mehrdimensionale, tief traumatisierte und verzweifelte Figur erschaffen, die absolut glaubhaft ist, aber oftmals auch verstört, wenn Ada alle Grenzen überschreitet und wirklich alles dem Auffinden ihrer Tochter unterordnet. Es ist beeindruckend, wie Ada sich niemals mit einfachen Antworten zufrieden gibt und hartnäckig ihr Ziel verfolgt. Czerny lässt sie nicht als strahlende Heldin erscheinen, sondern mit all ihren Schwächen und Widersprüchen lebendig werden: Sie darf Fehler machen, teils selbstzerstörerisch und abweisend sein, aber auch nachdenklich und verletzlich. Viele ihrer Handlungen sind nur schwer auszuhalten und machen Ada zu einer herausfordernden Figur. Ihr zur Seite hat die Autorin die Anwältin Heidi gestellt, bei der nicht nur ihre rechtswissenschaftlichen Fähigkeiten, sondern vor allem ihre unerschütterliche Loyalität und Freundschaft zu Ada wohltuend sind in einer höchst beklemmenden Atmosphäre. Und so lockert auch die Geschichte von "Hund", die für die Handlung nicht zwingend nötig gewesen wäre, die Schwere etwas auf.Sophie Czerny befasst sich in "Totensee" mit den Themen von Traumata und ihren psychischen Folgen. Es ist folgerichtig, dass dabei bestimmte Aspekte nur schwer auszuhalten sind; dabei ist die Vorstellung, dass dem eigenen Kind etwas zustoßen könnte - und damit zu den schlimmsten Ängsten überhaupt zählt - , objektiv noch nicht einmal das schlimmste Grauen in diesem Thriller - doch mehr will ich hier nicht verraten."Totensee" ist ein ungewöhnlicher und rasanter Thriller, der unter die Haut geht und noch lange nachhallt. Obgleich er für mich ein Jahreshighlight des Genres ist, kann ich ihn nur Leser*Innen empfehlen, die den aufwühlenden Themen und der damit zusammenhängende Brutalität und Düsternis standhalten können.