Solider King-Krimi ohne Horror mit berührender Billy-Alice-Beziehung, aber deutlichen Längen auf 736 Seiten.
Stephen King liefert mit "Billy Summers" etwas Untypisches: einen reinen Kriminalroman, ohne Vampire, Geister oder besessene Autos, nur mit einem winzigen Overlook-Hotel-Zwinkern als Fanservice. Billy Summers ist 44, Ex-Marine-Scharfschütze, Irak-Veteran und Auftragskiller. Aber Billy tötet nur Menschen, die er selbst als "schlecht" einstuft, Vergewaltiger, Mörder, Menschenhändler. Er sieht sich als Müllmann der Gesellschaft. Als Gangsterboss Nick ihm zwei Millionen Dollar für einen letzten Schuss anbietet, ist Billy sofort misstrauisch. Er weiß, wie viele Auftragskiller nach dem letzten Job selbst zum Ziel werden. Also bereitet er heimlich Fluchtidentitäten vor und beginnt, unter seinem Deckmantel einen autobiografischen Roman zu schreiben. Als der Anschlag ausgeführt ist und seine Auftraggeber sich tatsächlich gegen ihn wenden, kreuzt er auf seiner Flucht das Leben von Alice, die gerade brutal vergewaltigt wurde. Aus diesem Zusammentreffen wächst eine der ungewöhnlichsten und stärksten Zweisamkeiten, die ich bei King seit langem gelesen habe.Denn genau diese Beziehung ist für mich das Herzstück des Romans. Stephen King verzichtet klug auf Romantik und lässt zwischen Billy und Alice etwas Familiäres entstehen, fast wie eine Ersatz-Vater-Tochter-Konstellation. Zwei Menschen, die aus entgegengesetzten Enden der Gewaltspirale kommen und sich trotzdem wortlos verstehen. Alice ist dabei keine hilflose Opferfigur, sondern eine eigenständige, kluge, widerstandsfähige junge Frau, die zur ebenbürtigen Partnerin wird. In Zeiten, in denen Vergewaltigungsopfer in Thrillern oft nur Beiwerk sind, ist das ein wichtiger literarischer Beitrag.Auch der metafiktionale Roman-im-Roman gefällt mir. Billy schreibt seine Kindheit, seine Marine-Zeit und den Weg zum Auftragskiller selbst nieder, und wir bekommen Auszüge zu lesen. Das eröffnet eine spannende Frage: Wie zuverlässig erzählt er sich selbst? Was schmückt er aus, was blendet er aus? Wer Kings "Das Leben und das Schreiben" mag, wird an dieser Metaebene besondere Freude haben. Zusätzlich schwingt eine leise, aber ernst gemeinte Kritik am Umgang mit Kriegsveteranen und PTBS mit, die dem Roman gesellschaftliche Substanz gibt.Ganz ehrlich muss ich aber sagen, dass "Billy Summers" mich nicht so gepackt hat wie die internationale Kritik suggeriert. Die 736 Seiten sind mir zu viel für die Geschichte, die erzählt wird. Manche Passagen ziehen sich, einige Beschreibungen und Dialoge hätten deutlich straffer werden dürfen. Auch die Grundhandlung folgt vorhersehbaren Krimi-Konventionen: verratener Killer, letzter Job, Rache. Der "Killer mit Ehrenkodex" ist ein Vigilante-Motiv, das man aus Reacher, Wick und Co. kennt, und das ich gesellschaftlich immer etwas problematisch finde, auch wenn Stephen King es reflektiert. Und die Perspektive bleibt sehr männlich, Alice bleibt trotz aller Stärke Nebenfigur.Ein guter, gut geschriebener Roman mit starken Momenten, aber für mich nicht Kings Meisterwerk. Empfehlung für King-Fans, Einsteiger:innen in sein Krimi-Werk und alle, die amerikanische Genre-Literatur mit literarischen Ambitionen mögen.