Starke King-Novellensammlung ums Motiv Zeit mit ¿Der Bibliothekspolizist¿ als düsterem, psychologischem Highlight.
Mit "Vier nach Mitternacht" legt Stephen King seine zweite große Novellensammlung nach dem legendären "Frühling, Sommer, Herbst und Tod" vor, diesmal jedoch vier reine Horror-Novellen, verbunden durch das gemeinsame Motiv der Zeit. In "Langoliers" landet ein Flugzeug in einer Welt, in der die Zeit nicht mehr richtig funktioniert und eine bedrohliche Macht die Vergangenheit förmlich auffrisst. In "Das heimliche Fenster, der heimliche Garten" steht Schriftsteller Mort Rainey einem Fremden gegenüber, der ihn beschuldigt, seine Geschichte gestohlen zu haben, was in einen erschütternden Trip in eine gespaltene Psyche mündet. "Der Bibliothekspolizist" konfrontiert einen unauffälligen Kleinstadtbewohner mit überfälligen Büchern und einem verdrängten Kindheitstrauma. Und in "Zeitraffer" bekommt Kevin eine Polaroid-Kamera, deren Fotos einen bedrohlichen Hund zeigen, der Bild für Bild näher kommt. In der 2016er Heyne-Sammelausgabe sind erstmals alle vier Novellen im deutschsprachigen Raum in einem Band vereint, was für King-Fans ein echtes Ereignis ist.Absolutes Herzstück ist für mich "Der Bibliothekspolizist". Aus der scheinbar harmlosen Ausgangslage überfälliger Bücher entwickelt Stephen King eine der beklemmendsten Novellen seines Werks. Der Bibliothekspolizist ist keine übernatürliche Bedrohung im klassischen Sinn, sondern die personifizierte Kindheitsangst, die aus Sams verdrängter Vergangenheit zurückkehrt. King nutzt Horror hier als Vehikel für psychische Wahrheit, für Fragen nach Verdrängung, Trauma und Konfrontation, und genau das macht die Novelle so eindrucksvoll. Für sensible Leser:innen ist der Umgang mit Kindheitstrauma allerdings sehr belastend, dessen sollte man sich bewusst sein."Das heimliche Fenster, der heimliche Garten" überzeugt mich vor allem durch die meta-fiktionale Ebene. Ein Schriftsteller, der mit Fragen nach Original, Diebstahl und Identität konfrontiert wird, das lässt Stephen King seine eigenen kreativen Ängste zwischen den Zeilen mitverhandeln. Die Verfilmung mit Johnny Depp gehört zu Recht zu den bekannteren King-Adaptionen. "Langoliers" hat eine faszinierende Grundidee mit dem Zeitriss und ein starkes Charakter-Ensemble, wird auf 360 Seiten aber deutlich zu lang, und die titelgebenden Wesen wirken als Bedrohung nicht ganz greifbar. "Zeitraffer" ist für mich die schwächste Novelle, hat aber mit ihrer schrittweisen Annäherung des unheimlichen Hundes einen klugen Kunstgriff und schenkt Castle-Rock-Fans eine schöne Rückkehr in ihre Lieblingsstadt.Was die Sammlung als Ganzes so lohnenswert macht, ist die thematische Klammer. Zeit als Riss, als Verlust, als wiederkehrende Vergangenheit, als eingefrorener Moment. Der Titel "Vier nach Mitternacht" verweist auf jene liminalen Minuten, in denen die Welt anders wirkt, und diese Stimmung durchzieht wirklich alle vier Geschichten. Die Übersetzung von Joachim Körber trifft Kings Ton sehr gut, und David Nathan liefert eine hervorragende Hörbuch-Fassung.Ehrlich muss ich sagen, dass die Qualität zwischen den Novellen deutlich schwankt und 1136 Seiten am Stück durchaus zur Herausforderung werden können. Ein Buch zum Häppchenweisen genießen. Für Horror-Fans und King-Sammler:innen absolute Pflichtlektüre, allein wegen des Bibliothekspolizisten.