"Jede Seele ist der Möglichkeit nach göttlich" - mit diesem Programmsatz beginnt das Buch, mit dem der Yoga in den Westen kam. Swami Vivekananda, der 1893 beim Weltparlament der Religionen in Chicago berühmt wurde, hielt 1895/96 in New York die Vorträge, aus denen "Raja Yoga" entstand. Diese Ausgabe bringt das vollständige Werk - Vorträge und Patanjali-Kommentar - in moderner deutscher Neuübersetzung.
Der erste Teil führt in acht Vorträgen durch den "königlichen Weg": Nach der Einführung (Yoga als Wissenschaft innerer Erfahrung, nicht als Glaubenssache) und den ersten Schritten folgen die Kapitel über Prana und das psychische Prana - Vivekanandas große Deutung des Atems: Pranayama handelt nicht eigentlich vom Atem, sondern von der Beherrschung der universellen Kraft, deren greifbarster Hebel im Menschen die Atmung ist. Weiter geht es über die Beherrschung des psychischen Prana und die Kanäle Ida, Pingala und Sushumna zur Zurückziehung der Sinne (Pratyahara) und Sammlung (Dharana), dann zu Versenkung und Überbewusstsein (Dhyana und Samadhi), abgeschlossen von der berühmten Kurzfassung "Raja-Yoga in Kürze".
Der zweite Teil enthält Vivekanandas vollständige Übersetzung und Kommentierung der Yoga-Sutras des Patanjali, des Grundtextes aller Yoga-Philosophie: die vier Kapitel über die Sammlung und ihren geistigen Gebrauch, ihre Praxis (mit Kriya-Yoga und dem achtgliedrigen Pfad), die übernatürlichen Kräfte und die Unabhängigkeit (Kaivalya) - Sutra für Sutra übersetzt und in Vivekanandas frischer, bildreicher Rede erklärt. Ein Anhang versammelt die wichtigsten Yoga-Stellen aus Upanishaden und Sânkhya-Schriften.
Vivekananda verlangt nichts auf Treu und Glauben: "Glaubt nichts, bis ihr es selbst erfahren habt" - Yoga ist ihm ein Experiment am eigenen Geist, mit dem Atem als erstem Werkzeug. Die Neuübersetzung gibt seinen Vortragston ungekürzt und werkgetreu wieder: klar, kraftvoll, zum Vorlesen geschrieben.