Obwohl überaus simpel gestrickt, verfehlt dieser Roman seine Botschaft nicht.
Präliminarien: Nachdem ich den zweiten Roman von Thea Mengeler gelesen und äußerst positiv besprochen hatte, ja, ich war begeistert von "Nach den Fähren", gehe ich hochmotiviert an ihr neues Werk "Öffentlicher Nahverkehr" heran. Leider ist die Fallhöhe enorm! Literarisch ist da nicht viel. Inhalt: Die junge Frau Judith weiß, alles ist monetarisierbar. Deshalb verdient sie ihr Geld als Influencerin, denn sie fotografiert gerne und sie stellt gerne dar, sich, das Leben. Sie hat Erfolg. Verdient gut. Ist gut im Geschäft. Hat sehr viele Follower. Bald merkt sie, dass auch die Influencerei nicht nur Spaß ist, sondern mitunter in harte Arbeit ausufert. Aber dennoch: sie mag es. Sie mag den Rummel. Den Ruhm. Die Follower, wenn sie ihr nicht auf die Pelle rücken. Das Influencen hat auch seine Nachteile. Davon handelt das Buch. Davon und von dem Frauenbild der Gesellschaft, das sich in den Köpfen junger Frauen einprägt. Judith sagt, Frauen werden von Anfang an dazu erzogen, schön zu sein und zu funktionieren. Aber egal, was sie tun, sie werden dafür kritisiert. Wenn sie alles dafür tun, um "schön" zu sein, sind sie eitel und verwöhnt, haben kein Hirn im Kopf, wenn sie es nicht tun, sind sie unweiblich. Was weiblich und was unweiblich ist, wird von außen definiert. Ihr schreibt uns vor, wie und was und wer wir sein sollen, sagt sie. Aber wer ist denn dieses "Außen" und warum ziehen sich Frauen diese Meinung über? Darüber sagt Mengeler leider nichts. Eines Tages wird Judiths Leben zerstört. Denn ihr Lover postet ein intimes Video von ihr, nur sie ist zu erkennen, er nicht. Was folgt sind unverschämte Posts mit Dick Picks, Hasskommentare, Vergewaltigungsandrohungen, Beschimpfungen. Sie löscht ihren Account und versteckt sich in der Großstadt, in Berlin. Sie möchte unsichtbar werden. Der Kommentar und das Leseerlebnis:Die Autorin baut ein Feindbild auf: wir - ihr. Vor allem "ihr". Dieses "ihr" bedeutet manchmal die Gesellschaft, manchmal alle ihre Follower, die ja im Gegensatz zu dem "ich" stehen, meistens bedeutet "ihr" aber: ihr Männer. Welche Männer? Alle. Keine Frage, das ist undifferenziert. Und auch oberflächlich. Und doch. Angesichts des Kampfes darum, dass Femizide auch Femizide genannt werden, nicht in der Gesellschaft allein, sondern in der Justiz und entsprechende Regelungen dringend notwendig sind, muss Frauenfeindlichkeit deutlich und überall zur Sprache kommen, muss Tagesgespräch und Hauptpunkt auf politischer Agenda sein. Dafür darf es dann schon mal einseitig sein. Denn tatsächlich, Mengeler ist einseitig. Sie ist plakativ und schreibt ein Ichbeklagemich-Buch. Und zwar eins, das literarisch kaum etwas zu bieten hat. Andererseits: brauchen wir (die gesamte Gesellschaft) nicht auch mal eine einseitige Perspektive, einen Scheinwerfer auf die Täter, die in der Regel männlich sind? Warum finde ich den Roman trotzdem oberflächlich? Weil er verallgemeinert. Weil er sich auf Äußerlichkeiten beschränkt. Weil er "nur" sexualisierte Gewalt gegen Frauen thematisiert, weil die ganzen patriarchalische Grund-Strukturen nur beiläufig erwähnt werden, weil er vieles Wichtige auslässt, das Polikerinnenbashing, die PayGap, die Machtkontrolle, die Männermedizin, etc. etc. Und die Bildungsmisere, Mädchen sind besser in der Schule und im Studium, bekommen aber schlechtere Positionen mit geringerem Gehalt. Und weil der Roman plakativ ist, weil er mit Klischees arbeitet, weil er ein Feindbild nicht aufarbeitet, sondern aufstellt. Aber eben auch sichtbar macht. Und das ist der Punkt, warum man den Roman nicht abschreiben kann. Er wird seine Arbeit tun! Einwand: grundsätzlich stellt Judith die Influencerei nicht in Frage. So nebenbei fragt sie sich kurz, ob das, was sie macht nützlich ist oder nur egozentrisch. Na und wenn schon, antwortet ihr Rosa, eine Protagonistin, mit der sie sich angefreundet hat. Dabei zählt sie die moralische Fragwürdigkeit ihres Berufs am Anfang durchaus auf, dass sie ihren Followern etwas vorspielt, dass die ganzen Produkte, die sie anpreist, gar nicht so toll sind, dass alles geschönt ist, und dass sie dazu beiträgt, dass Menschen das Leben als Performance sehen. Und dass ihr Beruf keine gesellschaftliche Relevanz noch Nutzen hat. Man könnte den Roman auch deswegen rudimentär nennen, weil er die Ursachen der Frauenfeindlichkeit nicht mit einem Wort erwähnt und dabei ist es doch seltsam, dass Frauen in ihrer Allgemeinheit von Männern gehasst werden. Woher kommt der ganze Hass, frage ich mich. Andererseits, sollen sich doch Männer damit befassen, warum sie Frauen hassen. Fazit: Dieser Roman ist simpel. Keine Frage. Literarische Finesse: Fehlanzeige. Aber die Sichtbarkeit des Problems gelingt der Autorin, die sexualisierte Gewalt gegen Frauen steht im Mittelpunkt ihres Romans und da gehört sie ja auch hin. Dass der Roman so simpel und leicht zugänglich ist, ist literarisch eine Schwäche, aber gesellschaftspolitisch eine Stärke. Aber auf keinen Fall ist dieses Buch ein Sachbuch! Kategorie: Roman.Verlag: Wallstein, 2026