Esse est deus. Deus est esse.
Thomas Hohn (1969) hat es gewagt, den Leser von einem denkbaren Universum zur Grenze eines undenkbaren zu führen. Gelungen ist ihm das, indem er den Spuren Meister Eckharts (um 1260 - 1328) folgte, wofür ich ihm herzlich danke.Sein historischer Roman ¿Das undenkbare Universum - Meister Eckhart und die Erfindung des Jetzt¿ setzt nach einer kurzen Vorausschau auf das Jahr 1326 mit Eckharts Eintritt ins Dominikanerkloster in Erfurt 1272 ein.Wohl mit einem Augenzwinkern hat Hohn für den Antagonisten den Namen Andreas von Frankenstein gewählt, dessen Eifersucht auf Eckhart von Hochheim das gesamte Buch durchzieht und die Handlung vorantreibt.Viel spannender ist jedoch, welche Denker und Schriften den Jungen und späteren Meister beeinflusst haben. Ibn Ruschd, latinisiert Averroës (1126 - 1198) ist hier an erster Stelle zu nennen. Ihm folgen im Roman Heinrich von Halle (¿ vor 1282) und Mechthild von Magdeburg (um 1207 - 1282).¿Nun, es gibt da Quellen bei Averroës, aber auch bei Aristoteles, die sagen, die Welt wäre ewig. Eine Schöpfung in der Zeit, wie wir sie kennen, mit einem Anfang und Ende, ist da nicht vorgesehen. Zudem, so verfechten einige, gäbe es feste Naturgesetze, die Wunder unmöglich machten.¿¿Heinrich von Halle glaubt, dass es möglich ist, Gott zu begegnen, auf Augenhöhe, verstehst du? Er geht davon aus, dass Mechthild von Magdeburg das sogar erreicht hat.¿Weitere Namen sind zu nennen: Dionysios Areopagita (um das erste Jahrhundert n. Chr.), Clemens von Alexandrien (150 - um 215), Hippolyt von Rom (um 170 - 235), Origines (185 - 253 oder 254), Plotin (205 - 270), Augustinus (354 - 430), Avicenna (980 - 1037), Maimonides (zwischen 1135 und 1138 - 1204), Amalrich von Bena (um 1140/1150 - 1205 oder 1206), Albertus Magnus (um 1200 - 1280), Dietrich von Apolda (1220 oder 1230 - nach 1302), Bonaventura (1221 - 1274), Thomas von Aquin (1225 - 1274), Ramon Llull (um 1232 - 1316), Heinrich von Gent (vor 1240 - 1293), Dietrich von Freiberg (um 1240/1245 - nach 1310, vermutlich um 1318/1320), Richard von Mediavilla (um 1249 - 1302 oder 1303 oder um 1308), Gottfried von Fontaines (vor 1250 - nach 1305), Marguerite Porète (um 1250/1260 - 1310), Gertrud von Helfta (1256 - 1301 oder 1302), Vitalis de Furno (um 1260 - 1327), Konrad von Halberstadt (1277¿1355/1359) und Heinrich Seuse (1295 oder 1297 - 1366).Zu Augustinus ist Folgendes zu lesen: ¿Ich gehe mit Augustinus, der meinte, es gäbe in uns ein geheimes Versteck, wie eine Schatzkammer, die uns verborgen ist. Ich glaube, dass dieses Versteck mithilfe unserer Vernunft und der Erkenntnis gefunden werden kann.¿Bei seinem Vorgänger Plotin ist von Depersonalisation die Rede: ¿Plotin beschrieb, wie er in das Unnennbare vordrang. Plotin sprach von einem Erlebnis, in dem es kein Schwarz und kein Weiß mehr gegeben hatte, in dem ihn eine unendliche Glückseligkeit erfasst hatte.¿¿Denn während seines Erlebnisses, so der antike Wahlrömer, gab es kein Ich und kein Du, niemanden, der etwas hätte erleben können.¿Von einem solchen mystischen Erleben spricht Hohn in seinem Roman nicht. Sein Eckhart gelangt allein durch Erkenntnis zu Gott. Am Ende scheint die Gottesgeburt jedoch nicht vollständig gelungen oder beständig zu sein. Verbissen verteidigt Eckhart gegenüber der Inquisition seine Ansichten, glaubt sich gar geschlagen, als ihm sein Widersacher vorhält, dass er die Vorwürfe nie wieder loswerden würde.¿Eckharts Knie wurden weich. Wie blind hatte er sein können. Der Papst würde ihn niemals freisprechen. Ganz gleich, was er für Belege vorlegen könnte. Andreas hatte geschafft, was er wollte. Er hatte zerstört, was Eckhart am wichtigsten war. Dieser Andreas würde sich nun wieder seiner Inquisition widmen, andere Menschen wie Eckhart richten und Wissen weiter zerstören. So viel Leid. So viel Verlust.¿Mit der Bulle In agro dominico, im Acker des Herrn, vom 27. März 1329 verurteilte Papst Johannes XXII. 28 Lehrsätze von Eckhart. Damit endete das Inquisitionsverfahren gegen den Verstorbenen. Der Papst bezeichnete die Lehrsätze als zum Teil häretisch, zum Teil häresieverdächtig, was zur Folge hatte, dass Eckharts Lehre bis heute als problematisch gilt.Neben seinem Ehrgeiz, zu Gott vordringen zu wollen, erscheint der Mönch im Hohns Roman in seiner Liebe zu Helene menschlich. Auf der anderen Seite hat er keine Bedürfnisse. Er isst nicht, verrichtet keine Notdurft, reinigt sich niemals, kennt keine Krankheit¿Selbst auf seinen zahlreichen Wanderungen ist er ganz der Denker, bar jeglicher Sinneswahrnehmung. Er hört das Zwitschern der Vögel nicht, erfreut sich an keiner Blumenwiese, betastet keine Baumrinde, nimmt weder den Duft der Wildfrüchte wahr noch probiert er von ihnen. Vielleicht will Hohn den auf diese Art entkörperlichten Eckhart nachträglich zum Heiligen erheben, zumindest ihn vom päpstlichen Urteil befreien?Vielleicht möchte er auch Eckharts Wirkungsgeschichte mit der Romanfigur in Einklang bringen. Im erweiterten Klappentext ist zu lesen: ¿Meister Eckhart inspirierte Menschen auf der ganzen Welt, von Dorothee Sölle, Hegel, Heidegger bis hin zu Hermann Hesse. Seine Ideen sind Grundlage für Eckhart Tolle wie auch für Erich Fromms Werk Haben oder Sein.¿Der Untertitel des Romans heißt ¿Meister Eckhart und die Erfindung des Jetzt¿, womit Hohn indirekt auf das Buch ¿Jetzt! Die Kraft der Gegenwart¿ von Eckhart Tolle (1948) hinweist. Tolle hieß übrigens nicht immer so. Sein richtiger Name ist Ulrich Leonard Tölle. Wie es zu dieser Namensänderung kam, ist leicht zu beantworten.Erich Fromm (1900 - 1980) wendet sich im genannten Werk der Predigt Eckharts ¿Beati paupe- res spiritu¿ zu, in welcher der mittelalterliche Meister ausgehend von der ersten Seligpreisung den Hörern den Unterschied zwischen innerer und äußerer Armut erläutert: ¿Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat.¿Eckhart wird nicht müde, die Gelassenheit in deutscher Sprache zu predigen. ¿Fang zuerst bei dir an und lasse dich. Wahrhaftig, wenn du dich selbst nicht loslässt, wirst du zu allem Möglichen fliehen, wirst Unzufriedenheit und Hindernisse ohne Ende finden. Die Menschen, die den Frieden in äußeren Dingen suchen, ganz gleich, was das auch ist und wie eindrucksvoll es auch wirken mag ¿ sei es Geld, Armut, Kasteiung, andere Menschen ¿, so ist das alles nichts und schenkt keinen Frieden.¿¿Umso intensiver diese den Frieden im Außen suchen, umso weiter schweifen sie ab. Sie sind wie jemand, der den Weg auf einer Reise verfehlt hat und nun immer weiter auf diesem Pfad läuft, er trägt ihn immer weiter von dem Ziel weg, das er zu erreichen suchte. Aber was soll er tun, was können wir tun? Der Mensch lasse sich selbst, dann hat er alles gelassen.¿Er spricht von Marguerite Porète, als er sagt: ¿Sie glaubte, dass ein neuer Mensch möglich ist, wenn sich sein Bewusstsein weit genug klärt, aufsteigt, reinigt. Dabei hat sie klar erkannt, dass der Mensch nicht in das Göttliche kommen kann, solange er Bilder und Gedanken mit sich herumträgt. Sie geht genauso wie ich in den Quaestiones von 1303 davon aus, dass Gott ein Nichts ist, die Seele sich in die Leere stürzen muss, um alles zu werden«, erklärte Eckhart.¿Von hier ist es nicht mehr weit bis zum ¿Esse est deus ¿ das Sein ist Gott!¿ Oder: ¿Deus est esse - Gott ist das Sein.¿Neben den genannten Philosophen und Theologen stützt sich Eckhart vor allem auf das Johannesevangelium, genannt werden das erste Kapitel, Vers eins und das siebzehnte, ebenfalls Vers eins, aber auch auf den Galaterbrief Kapitel zwei, Vers zwanzig, wenn er sagt: ¿Wenn der Mensch seine ganze Achtsamkeit auf das Jetzt richtet, dann kann er das Sein erkennen, dann gebiert sich Gott von alleine in ihn hinein¿dann sind wir auf der gleichen Augenhöhe mit Gott.¿Sein Freund und Gelehrter Dietrich von Freiberg kann dem noch folgen, die meisten anderen nicht: ¿Das ist so, als ob du uns sagst, wir wären alle Affen und wir könnten Menschen sein.¿Solche kleinen Anspielungen, wie hier auf Charles Darwin (1809 - 1882), vielleicht sogar auf Friedrich Nietzsche (1844 - 1900), machen den Humor Hohns aus und erzeugen beim Leser viel Heiterkeit.Ernsthaft jedoch fragt er, weshalb die Lehre von der Leere so schwer angenommen werden kann. Die Antwort lautet, sie gehört einem undenkbaren Universum an, welches mit Sprache nicht zu fassen ist. Das Wort Ewigkeit kann unser Verstand ebenso wenig greifen wie Raumlosigkeit oder fehlende Kausalität. Wenn Eckhart sagt, Gott sei der Ursprung aller Ursprünge, ist das für die meisten Menschen nur ein abstraktes Gebilde.Manchmal erweckt Hohn den Eindruck, man könne durch Wollen, durch Übung zum Seelengrund vorstoßen. Ein anderer Erfurter Mönch hielt dies nur durch Gnade für möglich. Gemeint ist Martin Luther (1483 - 1546).Häufig wird Eckhart als Mystiker bezeichnet. Tatsächlich, so zeigt Hohn in seinem Werk auf, war er ein Meister seines Fachs:Wahrscheinlich studierte er an der bedeutendsten Universität des Mittelalters, an der Sorbonne in Paris, war dort bis 1294 als Sentenzenlektor tätig. Nach seiner Rückkehr wurde er Prior des Erfurter Konvents und Vikar in Thüringen. Es folgte eine einjährige Lehrtätigkeit an der Sorbonne, bevor er zum Provinzial der Ordensprovinz Saxonia und zum Generalvikar der Ordensprovinz Böhmen ernannt wurde. 1311 wurde er erneut für zwei Jahre an die Sorbonne berufen, eine Auszeichnung, die vor ihm lediglich Thomas von Aquin erhalten hatte. Aus Paris zurückgekehrt wurde er nach Strassburg gesandt, um sich dort um die Frauenklöster in der Teutonia zu kümmern. 1223/24 folgte er dem Ruf auf den theologischen Lehrstuhl der Dominikaner am Studium generale in Köln.Wenn man von einem linearen Zeitverständnis ausgeht, haben sich an den Machtspielen der vermeintlichen Machthaber seit damals nur die Namen geändert. Thomas Hohn stellt das ausführlich in seinem Roman dar. Auch dafür meinen Dank an ihn.Vera Seidl