Ein Krimi ohne Ermittler, der die eigenen Moralvorstellungen triggert
So, also das zweite Buch vom preisgekrönten Krimiautor Thomas Knüwer. Dass er gar nicht hauptberuflich schreibt, sondern in der Wirtschaft tätig ist, beeindruckt mich immer wieder, weil auch das zweite Buch wieder echt spannend ist!! Die Ausgangssituation ist so einfach und effektiv : Joran kommt nach verbüßter Strafe aus dem Jugendgefängnis raus, aber der Neuanfang ist schwerer, als gedacht: Sein Vater erpresst ihn, die Jobsuche gestaltet sich zäh. Jorans will nach der Beute schauen, die er damals noch rechtzeitig in einem Kanalschacht verstecken konnte, als er die Tankstelle überfiel. Als er zurückgeht, um sie zu holen, findet er dort nicht das Geld, sondern eine Leiche. In dieser Nacht kreuzen sich dann die Wege von drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Joran, unser Ex-Knacki, Charu, eine Lost-Places-Fotografin und Instagramerin und Edda, ein zehnjähriges Mädchen im Schlafanzug, das allein in der Dunkelheit unterwegs ist. Alle drei sind auf ihre eigene Art schräg und alle drei haben etwas zu verbergen. Was? Das erfahren wir innerhalb eines sehr straffen Spannungsbogens im Buch. Was Knüwer aus diesem Dreieck macht, ist für mich das Beste am Buch. Es geht um die Definition von Täter oder Opfer und diese drei fragen indirekt uns auch immer wieder nach unseren eigenen Moralvorstellungen. Daraus entstehen auch ein paar emotionale Spannungen beim Lesen, weil man sich auch ständig selbst hinterfragt, wie man eigentlich zu den drei Figuren steht, ob man sie scheiße finden soll, aber man versteht sie auch und doch ist es natürlich verwerflich. So geht das das ganze Buch. (Ich hab im Anschluss tatsächlich eine philosophische Abhandlung über Schuld gelesen, weil mich diese aufgeworfenen und nicht beantworteten Fragen echt beschäftigt haben. Gut gemacht, Herr Knüwer!)Empfehlen würde ich dieses Buch allen, die bereit sind, sich auf einen Roman einzulassen, der auf Psychologie und Atmosphäre setzt statt auf Ermittlerroutine und krass verstörende Szenen und Tatorte. Es ist ein Krimi ohne Ermittler. Man braucht übrigens das erste Buch nicht zu lesen, um hier weiter zu machen. Aber wer das hier gelesen hat, will definitiv auch Knüwers Debüt lesen, da bin ich mir ganz sicher!