zeitlose, gesellschaftskritische Fantasy; phantastische Welten, aber die Gesellschaften dort kranken dank uns Menschen an Bekanntem
Unvermeidlich muss ich zuerst einmal meine Begeisterung für die Welten ausdrücken, die Le Guin sozusagen "am Rande des Universums" vor einem halben Jahrhundert erschaffen hat. Ohne große Erklärungen wird man als Leser auf fremden Planeten ausgesetzt und ist sofort mitten in der Geschichte bzw. in einem Konflikt, dessen Hintergründe einem nur allzu bekannt vorkommen. In "Grenzwelten" sind zwei Romane. Der erste trägt den schönen Titel "Das Wort für Welt ist Wald" - doch schön ist diese Welt für ihre Bewohner aktuell nicht. Verschiedene Völker haben eine galaktische Gemeinschaft geschlossen, stehen in regem politischen, technologischen und ökonomischen Austausch miteinander. Wird ein Volk aber für zu primitiv erachtet, dann wird seine Welt kolonialisiert. So passiert es auf New Tahiti, das Wald im Überfluss besitzt. Auf der Erde wurden alle Wälder gerodet und können nicht aufgeforstet werden, sodass Holz ein begehrter Rohstoff ist. Die Bewohner des Planeten (Athsheaner) werden als "Nutzvieh" betrachtet, das wie Sklaven gehalten werden kann. Nur der Wissenschaftler Lyubov, der eine Freundschaft mit dem Einheimischen Selvar schließt, erkennt, dass diese Einschätzung falsch ist, doch keiner hört auf ihn, der die komplexe, poetische Gesellschaft der Einheimischen genauer studiert hat. Dann wird (plötzlich?) eine Abholzungsstation brutal angegriffen. Das schockiert die "Kolonialherren", denn eigentlich kennen die Athsheaner (im Gegensatz zu den Menschen) bisher keine Gewalt. Dieser Roman hat mich etwas mehr begeistert als der zweite. Beide sind, obwohl von der gleichen Autorin, sehr unterschiedlich. Das macht diesen Doppelband sehr reizvoll.In "Die Überlieferung" wird einem Volk auf ganz andere Weise Gewalt von den Menschen angetan. Ihre Kultur (Sprache, Religion usw.) wurde einfach ausradiert. Eine subtilere, aber nicht weniger perfide Art der Kolonialisierung und Unterwerfung. Dadurch hat sich auf Aka eine fortschrittliche, aber fundamentalistische Gesellschaft entwickelt. Aber die alte Kultur wird z.T. noch - verborgen vor der Regierung - gelebt. Leider sind die Themen, die Le Guin in diesen beiden Romanen in ihre Sci-Fi-Handlungen übersetzt, zeitlos und wohlbekannt aus der Geschichte. Auch öffnet sie ein kleines, warnendes Fenster auf die Zukunft ohne aber ihre Kernhandlung aus dem Blick zu lassen. Die Erde ist stets viele Lichtjahre entfernt, sozusagen als Mahnung im Hintergrund.Die Romane sind keine, die man schnell mal nebenbei ließt. Bei "Das Wort ..." ist der Grund dafür auch, dass die kaum 170 Seiten lange Erzählung aus mehreren Perspektiven erzählt wird, z.B. dem grausamen Captain Davidson, dem Wissenschaftler Lyubov, dem Einheimischen Selvar. Bei der "Überlieferung" sind es die Zeitsprünge, die zum Mitdenken zwingen. Bei beiden ist es aber auch, dass Le Guin ihre Welt stets als gesetzt nimmt und ihren Lesern nichts erklärt; man muss sich darauf einlassen, aber es lohnt sich definitiv.Einen kleinen Einstieg bekommt man dann doch, da den Romanen einen Vorwort von Le Guin vorangestellt wird. So erfährt man z.B., dass "Das Wort..." vom Vietnam-Krieg "inspiriert" ist gegen den die Autorin aktiv protestierte.Nach "Die linke Hand ..." waren das meine Romane Nr. 2 und 3, die ich von Le Guin gelesen habe. Alle drei haben mir sehr gut gefallen, gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit, obwohl man die Handschrift der Autorin in allen gut erkennt.