Dieser Roman von Ute Mank hat mich sehr bewegt, Erinnerungen können böse Folter sein, Scham und Schuld ein Leben lang schlummern, aber nie vergehen. Diese Erfahrung macht Dora, als sie mit Mitte achtzig ihren Lebensmittelpunkt zurück nach Hausen verlegt, in ein Seniorenheim, in das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist und in das sie nie zurückwollte. Aber das Leben spielt seine eigenen Stücke, nicht alle sind Wunschkonzerte.
Dora, großgeworden in der Nazizeit, erzogen zu Pflicht, Gehorsam und dem Willen, alles gut und richtig zu machen, hat eine Schulfreundin Fanny, die Jüdin ist. Zu Beginn ihrer Freundschaft sieht weder Dora noch jemand anderes darin ein Problem, aber je härter und unnachgiebiger die neuen Gesetze angewendet werden, umso gefährdeter ist Doras Freundin, ist deren Familie, sind es alle jüdischen Familien im Ort. Und so kommt es, dass Dora sich zurückzieht, immer seltener zu Besuch geht und dann vollkommen aus Hausen verschwindet, um Lehrerin zu werden. Was derweil in Hausen geschieht, kümmert sie nicht mehr so sehr, sie ist mit dem Studieren beschäftigt, sieht eine große Zukunft vor sich. Als das Nazireich zusammenbricht, endet auch ihre Studienzeit und sie kehrt nach Hausen zurück, erfährt, was im Dorf während ihrer Abwesenheit geschehen und auch, dass Fanny verschwunden ist. Kurz nagt das schlechte Gewissen an ihr, aber wieder ist es das eigene Wohl und Wehe, das bei Dora im Vordergrund steht, sie verlässt Hausen, am liebsten auf Nimmerwiedersehen. Das ist das, was der Leser weiß, das Dorfleben wird geschildert, die Schulzeit, die kleinen Freuden, aber auch der Druck durch das Naziregime. Alles andere liegt im Dunkeln, tief im Inneren der noch Lebenden versteckt.
70 Jahre später wird bei Dora plötzlich alles wieder aufgewühlt, sie lernt das Mädchen Pina kennen, das herausgefunden hat, dass sie in jenem Jokops Haus wohnt, in dem Fannys jüdische Familie lebte, dass sie sogar ihr ehemaliges Zimmer bewohnt, dass ihre Großeltern dieses Haus günstig erworben haben. Dora sieht, dass vor dem Haus vier Stolpersteine liegen, zwei Erwachsene, zwei Kinder. Aber es waren drei Kinder, ein Stolperstein für Fanny fehlt. Hier treffen Dora und Pina das erste Mal aufeinander, daraus wird eine ungewöhnliche Freundschaft. Im Dorf aber sehen nicht alle mit Begeisterung auf die plötzlich entfachte Recherchelust, schon die Beschreibung der Widerstände gegen die Verlegung der Stolpersteine machte klar, dass viele die Vergangenheit lieber ruhen lassen würden. Aber es gibt auch die anderen, die sich erinnern und die Erinnerung bewahren wollen.
Beim Lesen empfinde ich immer wieder die eine Frage als bedeutend, wie hätte ich mich verhalten während der Nazizeit? Als die Mauer fiel, war ich 35 Jahre alt, für mich gab es eigentlich nur gut und böse, schwarz und weiß. Vater, 10 Jahre KZ, war gut; Mutter, ausgegrenzt wegen ihrer jüdischen Abstammung, war gut; Großmutter, hat meine Mutter gerettet, war gut; mein Großvater wurde in Auschwitz ermordet, war gut; ehemalige Wehrmachtsangehörige oder SS-Leute kannte ich nie, ehemalige NSDAP-Mitglieder auch nicht. So dachte ich jedenfalls. Eine aus heutiger Sicht recht ärmliche Einstellung, aber seit 1989 habe ich die Gelegenheit genutzt, recherchiert und gelernt, viel gelesen, vieles neu bewertet. Dazu gehört auch die Erfahrung, dass zwei Brüder meines Vater seine kommunistische Widerstandarbeit nicht guthießen, einer fiel später bei Stalingrad, der andere wurde am 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP (da war mein Vater gerade bei der SA in Schutzhaft und wurde gefoltert). Recherchen können sehr schmerzhaft sein und viele Überraschungen bergen. Aber wie ich mich in der Nazizeit verhalten hätte, wäre ich ein deutsches BDM-Mädel gewesen, ich weiß es bis heute nicht zu beantworten. Und wäre ich rechtzeitig geflohen vor der Deportation, wenn ich damals ein jüdisches Mädchen gewesen wäre? Alles hypothetisch. Jeder sollte ehrlich genug sein, denn nicht in jedem steckt ein Held.
Fazit: Das Buch Und mittendrin der Birnbaum zeigt mit feinen Charakterisierungen der Hauptpersonen, aber auch der im Hintergrund bleibenden Alltagshelden, wie kompliziert das Leben und das Entscheiden zu damaliger Zeit war. Das Blau in Fannys ehemaligem Zimmer ist Pinas Blick auf eine bessere Zukunft. Eines der ehrlichsten Bücher, das ich zu dieser Thematik gelesen habe. Ich empfehle es sehr! 5 Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.