Glückliches Sterben

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Sommer 1945, Kalifornien: Der jüdische Schriftsteller Bruno Frank liegt im Sterben und beginnt seinen letzten Roman, in dem er den Tod des großen französischen Moralisten und Frauenhelden Chamfort erzählen will. Das Manuskript bricht nach dem ersten … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Glückliches Sterben
Autor/en: Volker Harry Altwasser

EAN: 9783882214062
Format:  EPUB
Matthes & Seitz Verlag

15. Februar 2014 - epub eBook - 208 Seiten

Beschreibung

Sommer 1945, Kalifornien: Der jüdische Schriftsteller Bruno Frank liegt im Sterben und beginnt seinen letzten Roman, in dem er den Tod des großen französischen Moralisten und Frauenhelden Chamfort erzählen will. Das Manuskript bricht nach dem ersten Kapitel ab, Frank stirbt, doch der Beginn des Romans wird mit Unterstützung seiner Freunde Thomas Mann und Lion Feuchtwanger in einer Zeitschrift veröffentlicht.

Jahrzehnte später liest Volker Harry Altwasser dieses Fragment und beschließt, das Buch für Frank zu Ende zu schreiben. Entstanden ist ein übermütiger, dicht erzählter Roman, der die Biografien zweier großer Männer leichtfüßig verknüpft, ein wahres Buch voll Erotik und Tod.

Portrait

Volker Harry Altwasser, 1969 in Greifswald geboren, absolvierte die Realschule und anschließend eine Lehre zum Elektronikfacharbeiter. Er war u.a. tätig als Heizer in der Reichsbahndirektion, Matrose in der NVA, Gefreiter auf der Fregatte "Bremen", wo er nicht zum Obergefreiten befördert wurde, weil er auf Las Palmas das Auslaufen des Schiffes "verpasste". 1998-2002 studierte er am Deutschen Literaturinstitut der Uni Leipzig. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter 2003 seinen Debutroman Wie ich vom Ausschneiden loskam. Bei Matthes & Seitz Berlin erschien zuletzt Ich, dann eine Weile nichts (2012), darüber hinaus bisher: Letzte Haut (2009), Letztes Schweigen (2010) und Letzte Fischer (2011, Longlist des Deutschen Buchpreises). 2011 wurde er mit dem Italo Svevo Preis ausgezeichnet.

Leseprobe

ERSTER TEIL


Ohne mich ginge es mir sehr gut.
Chamfort.


Kalifornien, Los Angeles, war ihm nie mehr als eine Filmkulisse gewesen. Auf dem Grundstück, das zur Villa ›Aurora‹ seines alten Weggefährten Feuchtwanger gehörte, lag Bruno Frank auf der Terrasse und dachte, wie erhaben es sei, wenn man die Sonne nur noch sehe, sie aber nicht mehr spüre. Schon immer hatte er die letzte Stunde des Lichts für die großartigste gehalten.

Er sah seine junge Frau im Pool treiben, die Arme ausgebreitet, mit den Füßen schwimmend, und hielt die Erinnerung an die Abdrücke ihrer Brüste in den Handwölbungen mit allem Willen fest. Das Gefühl, wenn die Spitzen hart geworden waren; mühsam öffnete der alte Kranke die beiden Fäuste, lächelte über die Leere in ihnen.

Ein gutes Leben gehe hier sanft zu Ende, während in seinem Heimatland, ach, auf seinem Heimatkontinent Trümmerfrauen letzte, ach, erste Handgriffe verrichteten: Sei das nicht der richtige Sterbensmoment, ach, der beste aller möglichen? Der Todkranke nickte mechanisch und spürte nun doch die Sonnenstrahlen als Schweißperlen in den Augenwinkeln; was ihm nur mäßig erhaben schien.

An diesem dreizehnten Juni fünfundvierzig war ihm der lebenslange Kamerad fern – wie noch nie. Während ihm Lion Feuchtwanger die Finger der rechten Hand massierte, dachte Bruno Frank an den ›Zauberer‹, wie er ihn nannte, an die erste Begegnung mit Thomas Mann, München um neunzehnhundertzehn, was war das für eine quirlige Stadt gewesen! Aber ach, es galt, Dinge zu regeln, es galt, letzte Worte festzuhalten.

»Danke, Lion«, sagte Bruno: »Ich glaube, ich versuche es jetzt. Ich glaube, es müsste gehen.« span>

Lion half ihm, sich aufzurichten, stopfte ihm Kissen hinter den Rücken, stellte ihm das Tablett mit den leeren Seiten auf die Knie, legte ihm die rechte Hand auf das Papier, steckte ihm den Bleistift mit weichster Mine zwischen Zeigefinger und Daumen, nickte ihm schließlich zu. Sie sahen beide, wie das Schreibgerät aus der Hand rutschte, und wagten nicht, sich anzusehen.

Die alten Gefährten schwiegen und sahen traurig Elisabeth zu, die aus dem Bassin kletterte. Sie hüllte sich in einen weißen Bademantel, strich sich die langen, braunen Haare zurück und sagte: »Das macht doch gar nichts, mein Liebster, dann mime ich die Sekretärin für dich. Ich bin nicht umsonst die Tochter zweier berühmter Schauspieler, ich bin dein Stift, ich bin dein Papier.«

»Danke, Liesl«, sagte Bruno: »So schreiben wir also zuletzt, wie wir so lange gelebt haben: gemeinsam.«

Es ist nun beinahe sieben Wochen her, dass ich versucht habe, mein Leben zu beenden, ein Versuch, der missglückt ist, sonst könnte ich ja nicht von ihm berichten, aber doch nicht völlig missglückt.

Damals, Mitte November, erschien in meiner Dienstwohnung, Rue Neuve des Petits Champs Nummer achtzehn, derselben, in der ich jetzt schreibe, ein Kommissar der republikanischen Polizei mit seinen Leuten und wies den Befehl vor, mich, Sébastien-Roch Nicolas, genannt Chamfort, Schriftsteller und Direktor der Nationalbibliothek, ins Gefängnis zu führen.

»Verzeiht, meine Freunde, wenn ich euch nun alleine lasse«, sagte Lion: »Ich sehe euch ja in bester Gesellschaft mit euren Favoriten.«

Leicht verzog Bruno das Gesicht, die Finger der rechten Hand andeutungsweise hebend, während Elisabeth kaum aufsah.

Marta Feuc
htwanger stand unter den Arkaden der Villa und lächelte ihrem Mann zu, der ihre Hand nahm, um sie ins Innere zu führen. Sie waren auf eine der vielen Dinnerpartys eingeladen, die von den Exildeutschen im zweiten Monat der Befreiung gegeben wurden. Überall regte sich nach dem Trauma der unfassbaren Nachrichten aus der Heimat endlich wieder Hoffnung.

Da wich der Schock.

In allen Wohnstätten wurde geplant; die Gemeinde der Exilanten sei in der Tat völlig aus dem Häuschen, meinte Lion zu seiner Frau, ehe er anfügte: »Und unser armer Bruno, der geht gerade jetzt!«

»Es ist gut, dass wir die Überraschungsgeburtstagsparty für ihn doch abgesagt haben. Er scheint sich auch heute kaum besser zu fühlen.«

Die Feuchtwangers sahen zu den Franks hinüber, denen sie Quartier gegeben hatten, weil die Ärzte meinten, Ruhe und Licht könnten helfen. Bruno Frank hatte sich erstaunlich schnell von dem Herzinfarkt erholt, den er am ersten April erlitten hatte, aber, soviel wusste Lion vom Leben, eine Erholung, gerade eine unerwartete, war doch immer auch ein Wagnis. Er nahm seine Frau in den Arm, zog sie in den Schatten der Villa und sagte: »Am Ende geht es wohl gar nicht mehr darum, dass etwas besser wird. Es soll nur nicht schlechter werden, das zeichnet wohl ein Ende aus, das auf einen Schluss zuläuft.«

Sie warfen noch einen Blick auf die Franks, die am Pool dicht beieinander blieben, Bruno auf dem Liegestuhl, Elisabeth vornüber gebeugt auf einer Fußbank, das Schreibtablett auf den Knien; ein Paar im zwanzigsten Jahr seiner Ehe: schreibend erzählen, gegenwärtig, aber stets gegen die Gegenwart, die es nur als Moment in der Zukunft gibt – und in der Vergangenheit, sinnierte Lion bei dem Anblick.

Es war nicht meine erste Verha
ftung. Aber dieser neuen gedachte ich nicht zu folgen. Unter dem Vorwand, meine Habseligkeiten zu packen, begab ich mich in ein entferntes Kabinett und legte hier Hand an mich, durchaus entschlossen und sogar hartnäckig. Allein ich war ungeschickt. Ich wurde in hilflosem Zustande entdeckt, man rief Ärzte, die alles taten, um meine Existenz, die ich hatte loswerden wollen, kunstgerecht zu bewahren. Seitdem besuchen mich diese Gelehrten, die Doktoren Bradin und Beaudouin, täglich, auch der hoch angesehene Chirurg Doktor Dessault beehrt mich, aus reinem Interesse an der Erhaltung eines bedeutenden Autors, wie er mich wissen lässt, und jedenfalls ohne einer Bezahlung zu gedenken. Diese Herren sind entzückt von den Fortschritten, die ihre Kunst bereits an mir erzielt hat, und ich hüte mich höflicherweise, ihnen ihre Illusion vorzeitig zu nehmen.

Aber ich weiß es besser als sie. Es ist mein letztes Jahr, das beginnt.

»Wirklich, Bruno! Sollen wir nicht lieber von etwas Schönerem erzählen? Quäl dich doch in deinen letzten Tagen nicht so. – Müssen sich denn selbst die allerletzten Gedanken noch um ein Manuskript drehen, in dem es wieder ums Verschweigen geht?«

»Gerade ums Verschweigen soll es diesmal nicht gehen, meine Liebe. Schreibe einfach weiter mit mir Chamforts Tod zu Ende. Manchmal muss man im Schatten ansetzen, um im Licht anzukommen, meine Liebe. – Du wirst sehen, es wird sich alles ganz prächtig fügen, denn vom Hang aus sieht jedes Tal schön aus. – Nur, lass es für heute genug Arbeit gewesen sein. Mir flimmert es schon wieder grell vor den Augen.«

Die Villa stand an einem Hang, der sich allmählich im Meer verlor, das von hier oben fast wie der Comer See aussah, still, gelassen, von der Sonne beschienen – die Idylle ihres ersten Fluchtpunktes; was war ihr
Mann neunzehnhundertdreiunddreißig doch vorausschauend gewesen, die Heimat mit ihr am Tag nach dem Reichstagsbrand zu verlassen! Als sie ihn, der Schlafmittel genommen hatte, weckte, um ihm von den Ereignissen zu erzählen, da hatte er – noch schlaftrunken – gemeint, das seien nicht die Kommunisten gewesen, das hätten die Nazis selbst gemacht. Und Recht hatte er behalten; Elisabeth stand gern am niedrigen Zaun des Anwesens ihrer so treuen Freunde. Die Feuchtwangers, wie seltsam war es doch, sich den Tod ins Haus zu holen und über ihn kein wenig erschrocken zu sein. Sie drehte sich halb um und sah zu ihrem Mann, der auf der Terrasse im Schatten mehr lag als saß, eine Hand offen auf der Brust, die andere hinter dem Kopf. Es war seine Lieblingshaltung beim Ruhen, wusste Elisabeth, und all seine Protagonisten, hatten die Kritiker geschrieben, nahmen sie in entscheidenden Momenten vor wichtigen Taten ein. Dieses Zaudern der Helden fand sich als gespiegelter Blick oder eben als jene Ruhestellung in all seinen Büchern: Die Nachtwache, Die Fürstin, Tage des Königs, Trenck – Roman eines Günstlings, Cervantes, Der Reisepass, Politische Novelle, Die Tochter; welcher dieser Romane würde wohl bleiben?

Am ehesten wohl Cervantes, der Weltbestseller ihres zu bescheidenen Ehemannes. Wahrlich, Ruhmsucht hatte nie zu seinen Lastern gehört, die hatte er seinem ›Zauberer‹ überlassen.

War ihr Bruno nicht wirklich der einzige Kollege, den der große Thomas Mann hatte Zeit seines Lebens um sich dulden können? Ihr Bruno, sie wusste es, hatte an den großen Werken Thomas Manns mitgeschrieben: während der vielen privaten Vorleseabende, in Form unendlicher Berufsgespräche einer fast vierzigjährigen Freundschaft oder während des einen oder anderen stillen Lektorats. Und einiges, was Bruno passiert war, war in di
e Mann’schen Romane eingeflossen,...


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