Die zwölf Verfahren vor dem Nürnberger Militärtribunal (NMT), in denen amerikanische Ankläger zwischen 1946 und 1949 die Funktionseliten aus Militär, Bürokratie, Partei und Wirtschaft des »Dritten Reiches« vor Gericht stellten, standen lange Zeit im Schatten des ersten, sogenannten Hauptkriegsverbrecherprozesses. Und doch sollten die Verfahren der Nürnberger Militärtribunale historisch wie juristisch eine erhebliche Wirkmacht entfalten. Denn die Ermittler und Staatsanwälte stellten sich eine hochkomplexe Aufgabe: Es sollten nicht nur die Verantwortlichen auch jenseits der unmittelbaren Täter zur Rechenschaft gezogen und juristische Präzedenzfälle geschaffen, sondern zugleich sollte eine historisch korrekte Lesart der natio nalsozialistischen Herrschaft etabliert werden. Recht, Gerechtigkeit und Geschichte sollten Hand in Hand gehen. In der Umsetzung stieß dieses ambitionierte Vorhaben auf zahlreiche Probleme: praktische Schwierigkeiten der Beweisführung, kontroverse historische Interpretationen im Gerichtssaal, die wachsende Ablehnung der Verfahren in der deutschen und US-amerikanischen Öffentlichkeit sowie der beginnende Kalte Krieg.
Inhaltsverzeichnis
Kim C. Priemel und Alexa Stiller
Wo "Nürnberg" liegt. Zur historischen Verortung der Nürnberger Militärtribunale
Teil 1: Die Prozesse - Planung, Verfahren, Wirkung
Jan Erik Schulte
Im Zentrum der Verbrechen: Das Verfahren gegen Oswald Pohl und weitere Angehörige des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes
Isabel Heinemann
Rasse, Lebensraum, Genozid: Die nationalsozialistische Volkstumspolitik im Fokus von Fall 8 der Nürnberger Militärtribunale
Hilary Earl
Beweise, Zeugen, Narrative: Der Einsatzgruppen-Prozess und die historische Forschung zur Genese der "Endlösung"
Paul Weindling
Der Nürnberger Ärzte-Prozess: Entstehungsgeschichte, Verlauf, Nachwirkungen
Lutz Budraß
Juristen sind keine Historiker. Der Prozess gegen Erhard Milch
Florian Dierl und Alexa Stiller
Von Generälen und Partisanen: Die Verbrechen der Wehrmacht in Südosteuropa und der "Geiselmord-Prozess" im Kontext des Kalten Krieges
Valerie Hébert
Befehlsempfänger und Helden oder Verschwörer und Verbrecher?
Konzeptionen, Argumente und Probleme im OKW-Prozess
Christian Wilke
Fall 3: Juristen vor Gericht, Recht auf dem Prüfstand und das Erbe der "Zivilisation"
Dirk Pöppmann
Im Schatten Weizsäckers? Auswärtiges Amt und SS im Wilhelmstraßen-Prozess
Ralf Ahrens
Die nationalsozialistische Raubwirtschaft im Wilhelmstraßen-Prozess
Axel Drecoll
Der Auftakt der Industriellenprozesse: Der Fall 5 gegen die Manager des Flick-Konzerns
Stephan H. Lindner
Das Urteil im I.G.-Farben-Prozess
Kim Christian Priemel
Tradition und Notstand. Interpretations- und Konfrontationslinien im Fall Krupp
Francoise Berger und Hervé Joly
"Fall 13": Das Rastatter Röchling-Verfahren
Teil 2: Die Hintergründe - Akteure, Recht, Rezeption
Donald Bloxham
"Nürnberg" als Prozess. IMT, NMT und institutionelle Lerneffekte
Ralf Oberndörfer
Recht und Richter: Verfahrensrechtliche Aspekte der Nürnberger Prozesse
Jonathan A. Bush
New Dealer, Flüchtlinge und Radikale? Die Nürnberger Ankläger im Profil
Daniel Marc Segesser
Der Tatbestand Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Heike Krösche
Im Zweifel für den Angeklagten? Verteidigungslinien und -motive im OKW-Prozess am Beispiel Hans Laternsers
S. Jonathan Wiesen
Die Verteidigung der deutschen Wirtschaft: Nürnberg, das Industriebüro und Herausbildung des Neuen Industriellen
Laura Jockusch
Das Urteil der Zeugen: Die Nürnberger Prozesse aus der Sicht jüdischer Holocaustüberlebender im besetzten Deutschland
Markus Urban
Kollektivschuld durch die Hintertür? Die Wahrnehmung der NMT in der westdeutschen Öffentlichkeit, 1946-1951
Lawrence Douglas
Was damals Recht war ... Nulla poena und die strafrechtliche Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit im besetzten Deutschland
Teil 3: Die Fakten - Personen, Daten, Ergebnisse
Anhang