
Geboren am 9. November 1989, am Tag des Mauerfalls. Benannt nach dem Eddy-Grant-Song, der damals in der Charité im Radio lief. Der Vater Westberliner, die Mutter aus dem Osten, die Tochter das Beste aus beiden Welten: Hope Joanna Marlow.
Um als Taekwondo-Kämpferin eine Olympiachance zu haben, wurde sie Polizistin. Olympia ist nun Vergangenheit, die Berliner Polizei Gegenwart. Ein Handyvideo, in dem zu sehen ist, wie Hope Joanna vier gewalttätige Räuber vor einem Späti überwältigt, macht sie zur Heldin wider Willen. Doch noch bevor sie sich gegen ihren Ruhm wehren kann, versetzt eine mysteriöse Mordserie die Stadt in Aufruhr. Ein rechtsradikaler Baron und seine Gefolgsleute scheinen davon überzeugt, dass der legendäre, seit Kriegsende verschollene letzte Brief Adolf Hitlers eben nicht nur eine Legende ist. Existiert dieses Schreiben, dem ein sagenumwobenes Elixier beigelegt gewesen sein soll, möglicherweise tatsächlich?
Schnell findet sich die junge Kommissarin Hope Joanna Marlow in einer tödlichen Parallelwelt wieder, deren rasender und vollkommener Irrsinn nur noch von der Realität übertrumpft wird.
Lesung. Ungekürzte Ausgabe
Besprechung vom 01.06.2026
Boschs Töchter
Krimis in Kürze: Horst Evers, Kim Koplin und Michael Connelly
Kabarett und Krimi, das ist im Normalfall eine sehr unbekömmliche Kombination, bei der alle Beteiligten auf der Strecke bleiben. Aber der Autor Horst Evers ist nun kein normaler Kabarettist, er hat auch schon vor Jahren einen Krimi geschrieben, "Der König von Berlin" (2012), in dem der Sinn für das Absurde, das Gespür für die Pointe und die Liebe zum Verwirrspiel eine klassische Krimihandlung nicht ausschlossen. In "Hope Joanna" (Rowohlt, 320 S., geb., 24,- Euro) geht es so weiter. Die Titelfigur wurde am Tag des Mauerfalls geboren, sie war Vize-Europameisterin im Taekwondo, ist Kommissarin mit dem verpflichtenden Namen Marlow und hat vor einem Späti gerade vier Randalierer verprügelt. Das Video im Netz kennt jeder.
In dieser Konstellation ist noch mit einigem zu rechnen: Union steht kurz vor der Meisterschaft dank eines norwegischen Wunderstürmers, der die schlagkräftige Hope bewundert; ein rechtsradikaler Bierbrauer, mit einem "Drachentöter-Pils" reich geworden, möchte das "Führerelixier" aus Hitlers letztem Koffer erwerben, das hart und selbstherrlich macht; sein Lieferant, ein obskurer Archäologe und Händler, den sie "Indiana Jens" nennen, stirbt durch einen Schlangenbiss, aber weit und breit kann Spurensicherer Pfitzmann kein Reptil finden.
Evers hält seine Geschichte dabei auf Kurs. Die zahlreichen amüsanten bis durchgeknallten Einfälle hemmen die Entwicklung des Plots nicht. Nur am Ende, beim Showdown auf dem Europacenter, leidet der Täter nicht nur unter Hope Joannas Tritten, sondern vor allem unter einem akuten Mangel an Motiv und Plausibilität.
Noch einmal Berlin, diesmal sind es im Grunde nur ein paar Straßenzüge in Charlottenburg, wo sich die Handlung verdichtet. Bei Kim Koplin gedeiht die üppige Hanfplantage immer noch auf dem Parkhausdach wie vor drei Jahren in "Die Guten und die Toten". Nihal, die Kommissaranwärterin mit aserbaidschanischen Wurzeln und Hang zu Alleingängen ist noch da, auch Saad, von dem wir wissen, dass er nicht der syrische Flüchtling ist, als der er sich ausgibt, und seine fünfjährige Tochter Leila. Und es knistert immer noch zwischen der Polizistin und dem Illegalen. In "Die Toten von morgen" (Suhrkamp, 270 S., br., 18,- Euro). erfahren wir nun, wer mit Saad noch eine Rechnung offenhat. Es geht um Waffen und um die Vorherrschaft auf dem Drogenmarkt. Zwei Kuriere werden hingerichtet, der alte Bordellkönig sorgt sich um sein Imperium.
Koplin - eines des Pseudonyme des Autors Edgar Rai - erzählt wieder aus verschiedenen Perspektiven, das ist gut fürs Tempo, auch wenn es dabei manchmal zu zeitlichen Überlappungen kommt. Der Ton ist wie schon im letzten Buch sehr lässig bis vulgär, die Dialoge sind hart und verknappt, aber für einen schnoddrigen Spruch ist immer Platz. Die Erzählökonomie funktioniert. Koplins Prosa hat mit dem Durchschnittskrimideutsch nichts gemein, sie erinnert einen bloß immer wieder daran, wie fad und kraftlos da meist erzählt wird. Die Gefahr an diesem Power-Stil ist allerdings, dass er sich irgendwann so an sich selbst berauscht, dass er zur Masche wird, die nicht mehr zur Geschichte passt.
Michael Connelly hat sein Harry-Bosch-Universum früh um andere Charaktere erweitert und bereichert, die auch leicht veränderte Tonlagen erforderten. Boschs Halbbruder, der "Lincoln Lawyer" Michael Haller, kam zuerst dazu, dann die junge Renée Ballard, Boschs Tochter Madeline ist inzwischen auch beim LAPD gelandet. Nur der vornamenlose Stilwell ist bei seinem bisher einzigen Auftritt als "Der Inselcop" etwas blass geblieben. In "Tote Tage" (Kampa, 432 S., geb., 23,90 Euro) kooperieren wieder Bosch und Ballard, obwohl er im Ruhestand ist und sie die Abteilung für Cold Cases leitet. Während sie surft, werden Ballards Waffe und Dienstmarke gestohlen. Sie fürchtet, ihre Vorgesetzten könnten das als Vorwand nehmen, sie zu disziplinieren.
So ermittelt sie unbemerkt und jenseits des Dienstwegs. Sie ist längst zu Boschs Tochter im Geiste geworden; ob seine leibliche Tochter, die sich in Ballards Abteilung beworben hat, ähnlichen Eigensinn entwickeln wird, dürfte man bald erleben. Ambitioniert genug tritt sie jedenfalls auf. Und man folgt deswegen gern diesem mehrsträngigen, komplexen Police Procedural, das kaum jemand so souverän entfalten kann wie Michael Connelly. PETER KÖRTE
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