
Das zeitlose Meisterwerk erstmals als Hörspiel inszeniert
Mit sinnlicher Leidenschaft entrollt William Faulkner in diesem Klassiker drei Lebenswege in den Südstaaten der USA: Lena Grove zieht hochschwanger in die Fremde, auf der Suche nach ihrem Geliebten. Der Geistliche Gail Hightower verliert Amt und Familie und träumt sich in eine glorifizierte Vergangenheit. Und Joe Christmas, ein Adoptivkind, fürchtet, in seinen Adern fließe »Negerblut«. Auf der Flucht vor sich selbst wird er zum Mörder.
Licht im August ist das bekannteste Werk des Nobelpreisträgers William Faulkner, das durch die Konstruktion und die Beschäftigung mit Themen wie Rassenideologie, Ausgestoßensein und religiösem Wahn bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Basierend auf der Neuübersetzung von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel setzen der mehrfach ausgezeichnete Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser diesen Roman erstmals als opulentes Hörspiel in Szene.
Besprechung vom 16.07.2026
Der Trick mit dem Stuhl
Seinen Roman "Licht im August" (1932) konnte sich William Faulkner gut als Micky-Maus-Film vorstellen
"Light in August", der siebte Roman von William Faulkner, wurde am 6. Oktober 1932 ausgeliefert. Drei Tage zuvor hatte Faulkner nach dem Begräbnis seines Vaters seine Heimatstadt Oxford im Bundesstaat Mississippi verlassen, um nach Hollywood zurückzukehren, wo er als Drehbuchautor für Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) arbeitete. Als erstes Buch Faulkners wurde der Roman ins Deutsche übersetzt; "Licht im August" erschien 1935 in Berlin bei Rowohlt.
Während Faulkner mit der Korrektur der Druckfahnen beschäftigt war, hatte sein Chef ihn gefragt, ob der Roman sich für eine Verfilmung eignen könnte. Die Antwort des Autors lautete, wie er seinem Freund Ben Wasson in einem Brief berichtete, dass MGM mit dem Buch nichts werde anfangen können. Eine Kinoversion konnte sich Faulkner allerdings sehr wohl gut vorstellen: "It would make a good Mickey Mouse picture". Wie war das gemeint?
Faulkner wusste jedenfalls, wovon er sprach. Als er am 7. Mai 1932 seinen Dienst antrat, hatte er dem Chef vorgeschlagen, ihn Wochenschauen schreiben zu lassen - denn diese und "Mickey Mouse"-Filme seien die einzigen Filme, die er möge. Es kam damals im Durchschnitt ein Micky-Maus-Kurzfilm im Monat ins Kino. Seinem Roman von 500 Seiten wollte Faulkner keinesfalls die Qualitäten des Familienfreundlichen und Niedlichen bescheinigen, die man heute mit der Marke Disney assoziiert. Im Star des Disney-Studios hatte er das Potential eines Superschurken erkannt: Für Micky Maus sah er im Brief an Wasson die Hauptrolle des Gangsters aus "Sanctuary" ("Die Freistatt") vor, seinem Roman vor "Light in August".
Als Micky-Maus-filmisch sind in "Light in August" zuerst und vor allem die Gewaltsequenzen zu würdigen. Man betrachte das neunte der 21 Kapitel. Joe Christmas, der wie das Fest der Geburt Christi heißt, weil er an diesem Tag im Waisenhaus abgegeben wurde, erschlägt seinen Adoptivvater. An Joe vollzieht sich das tragische Schicksal schlechthin, er setzt das ödipale Handlungsmuster der klassischen literarischen Tradition in eine spontane Tat um: planlos, aber nicht unvorbereitet. Als Waffe dient ihm, was gerade zur Hand ist, als der Vater ihm eine Szene macht und ihn zur Rede stellt, in einem Tanzlokal, wo er sich heimlich mit einer Kellnerin trifft. Während der Vater ihm eine Predigt hält, saust ein Stuhl auf ihn herab. Joe lässt ihn wie tot liegen, und genau genommen erfährt der Leser gar nicht, ob der Vater tatsächlich tot war. Diese Gleichgültigkeit gegenüber den Weiterlebensmöglichkeiten von Gewaltopfern ist ein Genremerkmal des Trickfilms.
Den Stuhl aber legt Joe nach der Tat nicht aus der Hand. Er schwingt ihn über seinen Kopf, und sein Gesicht unter dem kreisenden Stuhl sieht ruhig aus. Wie von einem in aller Schnelle gedankenlos zusammengebastelten Propeller angetrieben, rennt er davon. Die Gewalt ist hier ebenso plötzlich wie zwangsläufig, eine verheerende Automatik. Das Slapstickhafte der Situation ist Ausdruck der Überdeterminiertheit des Geschehens: Der Überfluss an Gewaltgründen lässt sich nicht durch Schuldzuweisungen kanalisieren, schon gar nicht nach christlicher Lehre. Das Leben von Joe Christmas, der die Feuersäule erzeugt, die dem Roman den Titel gibt, und als Opfer eines Lynchmords stirbt, wird in einer Rückblende als ein einziges ununterbrochenes Rennen beschrieben, als Flucht vor der Angst, wegen eines schwarzen Elternteils gehänselt zu werden. Diese Kompression von Zeit und Raum ist der zeichentricktechnische Königsweg. Der wahre Vater von Joe Christmas war vielleicht gar kein Schwarzer. Die sausende Maus steckt auch so in der Falle. PATRICK BAHNERS
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