Inhalt siehe Klappentext.
Vor wenigen Wochen habe ich den 3. Band von Anne Jacobs Dorfladen gelesen und dabei festgestellt, ich hatte vor einem knappen Jahr nur Band 1 gehört, Band 2 war mir durchgerutscht. Auch in der falschen Reihenfolge, gerade weil ich ja nun schon weiß, wie Band 3 endet, kommt man recht schnell in der Geschichte, im Taunusdorf Dingelbach im Jahr 1925, an. Die vielen Namen sind mir inzwischen, gerade durch die kürzlich beendete Lektüre, geläufig, und ich finde, Sprecherin Simone Kabst, die hier mit 15:43 Stunden eine gekürzte Lesung hält, liest jeden Einzelnen ziemlich passend. Gehört klingt der hessische Dialekt besser als gedruckt. Ich bevorzuge die 1,25-fache Geschwindigkeit, so lässt sich die ländliche Geschichte, die vermutlich bewusst in recht einfachen Sätzen gehalten ist, so wie man eben damals uffm Dorf erzählte, am angenehmsten hören. Man muss bedenken, dass man sich 100 Jahre in der Vergangenheit befindet, dass sich das Dorfleben hauptsächlich ums tägliche Überleben dreht, ob und wie man seine Felder bewirtschaftet oder aberntet, ohne vom Wetter ausgetrickst zu werden, ob man sich einen Einkauf im Dorfladen leisten kann, wenn es schon für die Einkaufstour in den Taunus oder gar Frankfurt nicht reicht. Der Dorftratsch bestimmt die nachbarschaftlichen Verhältnisse, mal gut, mal schlecht, es gibt auch hier immer wieder Personen, die sich für etwas Besseres halten und das die anderen spüren lassen.
Helga wird angeprangert, weil sie sich von ihrem Mann Otto Schütz, seines Zeichens Dorfbürgermeister, getrennt hat - hätte er es ebenso gemacht, wäre er sicher der Dorfheld gewesen. Weiß die Marie, auf was sie sich einlässt? Oder ist es genau umgekehrt - weiß der Otto, was auf ihn zukommt? Keiner ist besser, als der andere. Traurig, dass hier immer Frauen die Dummen sind, damals, wie heute. Wie das auf Dauer werden wird mit dem Oskar Michalski und der Helga? Kurzes Abenteuer oder große Liebe? Dörflich und historisch auf seine Weise aufregend.
Fabrikbesitzerin Ilse Küpper wird ebenso schief angeschaut, weil sie, als auf die 40 zugehende, alleinstehende Frau!, die Zügel in der Hand hat und nicht ihr Bruder Josef. Ihn und seine Frau mag ich gar nicht, sie tun so groß und weltgewandt mit ihrer Gaststätte, aber wer zahlt im Endeffekt dafür? Einfach unangenehme ZeitgenossenIlse steht ihren Mann, tut, was sie will und lässt sich auch bei der Wahl ihrer Gesellschaft bzw. ihres Mannes nicht reinreden. Josef findet immer etwas auszusetzen, er fühlt sich in seinem männlichen Stolz verletzt und kann nicht eingestehen, dass er selbst Schuld an seiner Lage ist.
Teils auflockernd, teils etwas zäh und in die Länge gezogen sind Friedas Erlebnisse in Frankfurt an der Schauspielschule. Nesthäkchen Ida dagegen eckt im Frankfurter Gymnasium an, weil sie ehrlich und direkt ist und sich nichts gefallen lässt. Man spürt die enge Bindung zwischen den Schwestern Ida und Frieda, die älteste Schwester Herta ist irgendwie immer außen vor, sie gibt sich aber auch keine Mühe, etwas aus sich zu machen, schiebt gerne Migräne oder Unwohlsein vor. Mutter Marthe steht tagein, tagaus im Laden, nimmt die Töchter ungefragt als billige Arbeitskräfte, das ist ihr wichtiger als deren Schul- und Ausbildung. Traurig, Marthe lässt nicht mit sich reden und hat kein Verständnis für die Unterstützung durch die Frankfurter Oma.
Süß ist die Freundschaft zwischen Heinz, Sohn von Bürgermeister Otto Schütz und Ehebrecherin Helga, mit der lungenkranken Julia Grossmann, die mit ihren Eltern nach Frankfurt ziehen muss, auch weil die Eltern zu stolz sind, und die ihre Krankheit nicht ernst nehmen. Die Haller-Schwestern werden kreativ, um dem Mädchen zur Genesung hilfreich sein zu können, man nutzt Beziehungen zu Lehrer Hohnermann und Bankier Goldstein, um eine Spendenaktion aufzuziehen. Endlich ist bei den Dörflern mal etwas los, das vom schweren Alltag ablenkt, auch wenn der Grund eher traurig ist. In schwierigen Situationen hält man eben zusammen, schließlich will man sehen und gesehen werden und besser als der Nachbar darstehen. Im Großen und Ganzen gute Unterhaltung, wenn man es zeitweise einfach und ländlich mag, von mir gibt es 4 Sterne.