Mein Hör-Eindruck:
Robert Seethaler, der österreichische Erfolgsautor, stellte bislang den kleinen Mann in den Mittelpunkt seiner Romane: den eher einfachen Kleinbürger, an dem er die Facetten des Menschenlebens aufzeigt. Das macht er in seinem neuen Roman auch, alllerdings ist es hier eine Straße, die er portraitiert. Die Heidestraße ist eine Straße in einer ungenannten Stadt, und Seethaler lässt ihre Bewohner zu Wort kommen. Auch das ist nicht neu, aber Seethaler wählt einen in der deutschen Literatur ungewöhnlichen Weg. Er stellt ein großes Figurenensemble auf die Bühne und dirigiert eine Fülle von Einzelstimmen, die meist nur sehr kurze Partien haben. Damit entfaltet der Autor eine große Fülle von Handlungssträngen, und er überlässt es dem Leser bzw. Hörer, diese Einzelstränge zu einer Handlung zu verbinden. Diese Mehrstimmigkeit bzw. Multiperspektivität und die Unverbundenheit der Einzelstimmen machte das Hören für mich zunächst zu einem Verwirrspiel, aber dann klärten sich die Stimmen, und wie in einem riesigen Mosaik verbinden sich die Einzelstimmen und zeigen die Schicksale ihrer Bewohner.
Mit diesem Chor der Einzelstimmen wird die Heidestraße zu einem Mikrokosmos des menschlichen Lebens von Lausbubereien angefangen über Krankheit, Liebeskummer, Obdachlosigkeit, berufliche Misserfolge, das jährliche Straßenfest etc. bis hin zur Gentrifizierung der Miethäuser und zum Tod. Diesen Mikrokosmos entfaltet Seethaler in seiner - wie gewohnt - unglaublich reduzierten Sprache, die niemals ins Banale abrutscht und in ihrer Kargheit dennoch den Leser berühren kann.
Robert Seethaler fordert seinen Leser mit diesem Buch heraus, und er riskiert den Vorwurf der mangelnden Lesbarkeit. Das Buch wurde eingelesen von Matthias Brandt, und diesen Vorwurf kann er aushebeln. Seine intelligente und zugleich unaufdringliche Art zu lesen macht den Roman zugänglicher und damit zu einem großen Hörvergnügen.
4,5/5*