Gertrude Bell (1868 1926) ist eine außergewöhnliche Frau. Sie wurde hineingeboren in eine der reichsten viktorianischen Familien und hatte das Glück, dass ihre fortschrittlichen Eltern ihr nicht nur den Schulbesuch, sondern auch das Studium der Zeitgeschichte in Oxford ermöglichten, das sie mit Bestnote abschloss. Gertrude Bell beherrschte mehrere Sprachen, war weitgereist, betätigte sich als Archäologin und erkundete unbekannte Gebiete Mesopotamiens, die sie kartografierte. Mit diesem Wissen unterstützte sie die imperialen Bestrebungen Großbritanniens im Vorderen Orient.
Gertrude Bell wurde in eine spannende und unruhige Zeit der Umbrüche geboren. Zu Beginn des Jahrhunderts wird das Osmanische Reich zum sterbenden Mann am Bosporus, und im Vorderen Orient streiten sich eine Fülle von arabischen Stammesfürsten um das osmanische Erbe. Und die europäischen Kolonialmächte werfen ihr begehrliches Auge auf die immensen Erdölvorräte der Region; diese Begehrlichkeiten erfahren zur Zeit eine ungeahnte Aktualität. Großbritannien braucht also eine stabile Region und folgt dem Rat Gertrude Bells: ein arabischer Fürst wird zum König gewählt und der Staat Irak wird gegründet, wobei die irakische Selbstherrschaft gezügelt wird durch die Oberaufsicht der Briten, die nach ihrer Auffassung als einziges Land in der Lage seien, sich intuitiv in andere Ethnien hineinzuversetzen.
Der Autor nimmt seinen Leser sofort mit in diese chaotische Zeit, wenn er sein Buch mitten im I. Weltkrieg beginnen lässt und die komplizierte Gemengelage im Vorderen Osten schildert. Die Sachkenntnis des Autors ist beeindruckend. Er schildert nicht ohne Kritik, dass die europäischen Mächte allen voran England kaum Kenntnisse hatten von den Gegebenheiten des Orients, weder vom Klima noch von den Ordnungen, der Religion, den Sitten und Gebräuchen der Araber, und wie sie auf Gertrude Bells Karten und ihre Berichte ebenso wie die von Lawrence von Arabien angewiesen sind, um ihre Interessen durchzusetzen.
Der Autor erzählt in einer ausgesprochen nüchternen Sprache, die die Sprecherin des Hörbuchs sehr gut umsetzt, und sein Roman ähnelt mehr einem informierenden Bericht. Warum er sein Buch chronologisch verwürfelt hat, blieb mir unklar; die Verwürfelung erschwert das Lesen und die Orientierung in diesem so faktenreichen Buch. Zudem kommt die Persönlichkeit Gertrude Bells meiner Meinung nach zu kurz weg; erst gegen Schluss wird sie greifbarer, wenn Guez aus ihren Briefen zitiert und sie am Ende ihres Lebens als gequälter und zutiefst einsamer Mensch erscheint. Das Buch schließt mit einem Ausblick und verweist auf die nach wie vor krisengeschüttelte Region; hier findet der Autor durchaus kritische Worte für Getrude Bells Ziele und ihre Hingabe an den Imperialismus.