Jeder Mensch trauert anders. Und nachdem ich inzwischen Dutzende Bücher gelesen habe, in denen Verlust, Trauer und der Versuch, mit dem Unbegreiflichen weiterzuleben, eine zentrale Rolle spielen, bin ich diesem Thema schon aus vielen unterschiedlichen Perspektiven begegnet. Bei Soojin hatte ich allerdings immer wieder Schwierigkeiten, mich wirklich in sie einzufühlen.
Ihre Trauer konnte ich verstehen. Ebenso konnte ich nachvollziehen, warum sie ihre Schwester Mirae zurückhaben wollte und weshalb sie sich an die Hoffnung klammerte, den Verlust rückgängig machen zu können. Dennoch blieben ihre Gedanken und Entscheidungen für mich häufig schwer greifbar. Vieles wirkte auf mich egoistisch, auch wenn Soojin ihre Handlungen als Ausdruck ihrer Liebe zu ihrer Schwester verstand. Für mich stand dabei oft weniger Miraes Wohlergehen im Mittelpunkt als Soojins eigene Unfähigkeit, sich ein Leben ohne sie vorzustellen. Das machte es mir schwer, ihre Beweggründe uneingeschränkt nachzuempfinden.
Dabei spielt auch Soojins Vergangenheit eine Rolle. Obwohl sie schwierige Erfahrungen gemacht hat, wurde sie zugleich sehr behütet. Dadurch scheint sie kaum gelernt zu haben, Verantwortung für sich selbst und die Konsequenzen ihrer Entscheidungen zu übernehmen. Gerade in einer Situation, in der ihre Verzweiflung sie zu immer drastischeren Schritten treibt, wurde das für mich besonders deutlich. Ich konnte ihre Gefühle nachvollziehen, ohne deshalb jede ihrer Entscheidungen gutheißen oder emotional mittragen zu können.
Umso interessanter fand ich den männlichen Nebencharakter Mark. Seine Perspektive auf Soojins Verhalten und ihren Umgang mit der Trauer war für mich deutlich zugänglicher. Er bildete einen spannenden Gegenpol zu ihr und ermöglichte mir, die Ereignisse auch aus einer anderen Sicht zu betrachten. Wo ich bei Soojin häufig auf Distanz blieb, konnte ich Marks Gedanken und Reaktionen wesentlich besser nachvollziehen.
Besonders überzeugt hat mich die Verbindung aus koreanischer Mythologie, Trauer und Magie. Die Fähigkeit, Tote ins Leben zurückzuholen, wird in Soojins Familie von Frau zu Frau weitergegeben. Doch diese Gabe ist an Regeln gebunden und fordert ihren Preis. Dadurch entsteht ein spannender Konflikt zwischen der Sehnsucht, einen geliebten Menschen zurückzubekommen, und den Grenzen, die selbst die größte Verzweiflung nicht einfach verschwinden lässt. Die mythologischen Elemente verleihen der Geschichte eine besondere Atmosphäre und machen den Umgang mit Verlust zu mehr als einer rein persönlichen Erfahrung.
Für mich ist es deshalb weniger eine Geschichte darüber, wie man Trauer überwindet, als vielmehr eine darüber, was geschehen kann, wenn man den Verlust eines geliebten Menschen nicht akzeptieren kann. Wenn aus Liebe der Wunsch wird, den Lauf der Dinge um jeden Preis rückgängig zu machen, verschwimmen die Grenzen zwischen Hingabe und Egoismus, zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
Mein Fazit: Die Verbindung aus koreanischer Mythologie, Magie und Trauer hat mir besonders gut gefallen. Mit Soojin selbst konnte ich dagegen nicht immer mitfühlen. Ihre Beweggründe waren für mich zwar nachvollziehbar, ihre Entscheidungen jedoch häufig schwer zu akzeptieren. Gerade dieser Gegensatz hat mich während der Lektüre beschäftigt. Es ist eine Geschichte über Verlust und die Macht der Liebe, aber auch über die Gefahr, sich so sehr an einen Menschen zu klammern, dass man darüber sich selbst und die Verantwortung für das eigene Handeln aus den Augen verliert.