Schon in seinem vorigen Buch "Hast du uns endlich gefunden" hat der Schauspieler und Autor Edgar Selge den Kontakt mit einem Jungen, damals seinem jüngeren Ich, gesucht und dabei unter anderem die NS-Vergangenheit seiner Familie aufgearbeitet und in Bezug zu sich gesetzt. In ähnlicher Weise geht es nun in "Juras letzter Winter" weiter. Nur, dass der Junge, um den es geht, diesmal nicht sein eigenes jüngeres Ich ist, sondern der 16-jährige Leningrader Jugendliche Jura Rjabinkin, der dort während der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1942 verhungert ist.
Es ist ein großes Verdienst des Autors, auf dieses schwere Kriegsverbrechen, das noch immer nicht überall Teil des Geschichtsunterrichts und des öffentlichen Gedächtnisses in den deutschsprachigen Ländern ist und bei dem der Hungertod von geschätzt über einer Million Zivilisten bewusst und absichtlich herbeigeführt wurde, mit seinem Buch eindringlich aufmerksam zu machen.
Edgar Selge geht in Dialog mit Jura, in einer Form, die weit über die überlieferten Tagebuchauszüge hinausgeht. Das macht das Buch einerseits lebendig und weitaus interessanter, als vermutlich eine Darstellung näher an den reinen Überlieferungen gewesen wäre. Wir erfahren auch so einiges über die historischen und biografischen Hintergründe und auch über das weitere Schicksal nicht nur Juras, sondern auch der Schwester Ira und der Mutter der beiden Kinder. Dabei stellen sich auch viele existenzielle Fragen des Menschseins und der jugendliche Jura, der nicht fassen kann, dass die fremde Armee die Stadt umzingelt, aber nicht einmal kämpfen will, um sie einzunehmen, und dass sie ihn und die anderen Menschen dort als so wertlos ansehen, dass sie sie lieber verhungern lassen, als sie für Zwangsarbeit einzusetzen, kommt uns nahe.
An vielen Stellen nimmt sich der Autor andererseits aber auch die künstlerische Freiheit heraus, sich recht weit von Jura und seinem Tagebuch zu entfernen. Ausführlich schwelgt er in Details zu eigenen Lebenserinnerungen, bei denen nur sehr entfernt und mit viel Fantasie eine Verbindung zu Jura und seinem Schicksal erkennbar ist, was der Autor im fiktiven Dialog zwischen dem verstorbenen Jungen und sich selbst auch durchaus immer wieder thematisiert.
Das empfand ich beim Hören des Hörbuches als unnötig abschweifend und ziemlich selbstverliebt und hätte mir stattdessen mehr Fokus auf Juras Schicksal und die Umstände in Leningrad gewünscht, denn diese interessieren mich weit mehr als Schwänke aus der Jugend des Autors. Auch habe ich mich während dieses Dialogs immer wieder gefragt, was daraus man wohl wirklich plausibel aus den vorhandenen Tagebucheinträgen (von denen der Autor manche vorstellt, aber eben nur relativ wenige) über die Persönlichkeit von Jura folgern kann und was wohl eher der Fantasie des Autors entspringt. Ich bin froh, dass der Autor mir Jura und sein Schicksal vorgestellt hat, doch ich wünschte, er hätte es mit etwas mehr Fokus auf dessen Leben und etwas weniger Selbstbezogenheit getan.
Als Hörbuch, sensibel und authentisch selbst eingesprochen vom Autor, kann ich es aber durchaus empfehlen, da man sich dabei dem Autor und seinem Selbstfindungsprozess im fiktiven Dialog mit dem verstorbenen Jura nahefühlen kann und auch mitfühlt, was ihm nahegegangen ist und ihn erschüttert hat. Damit spürt man beim Hören auch selbst viel Erschütterung über die damals vorherrschenden Gleichgültigkeit, den erbarmunglosen Rassismus und den daraus resultierenden Völkermord, was hoffentlich dazu beitragen kann, sich dafür einzusetzen, dass sich so etwas nicht wiederholt.