Ingo Schulze verbindet verschiedene Zeitebenen aus Gegenwart und Erinnerung mit einer komplexen Konstruktion aus Rahmenhandlung und der darin erzählten Novelle. Der etwa 60-jährige Schriftsteller Thomas blickt Jahrzehnte später auf einen prägenden Sommer seiner Jugend zurück. Dabei geht es nicht nur um die Frage, was tatsächlich geschehen ist, sondern auch darum, was Erinnerung aus einem vergangenen Leben macht und wie sich der Blick auf die eigene Vergangenheit mit zunehmendem Abstand verändert. Ich schreibe [...] über die Vergangenheit, um besser an die Gegenwart heranzukommen, heißt es an einer Stelle.
Gerade diese Erzählkonstruktion hat mir jedoch den Zugang zum Hörbuch erschwert. Besonders die erste Hälfte empfand ich als anstrengend, weil sich für mich viele Alltagshandlungen und Beobachtungen aneinanderreihen, wie die Einladung zur Lesung, die Autopanne, die Fahrt nach Mecklenburg und schließlich der Beginn der Lesung seiner Novelle. Daraus entstand für mich zunächst kein erzählerischer Sog. Stattdessen wirkte der Einstieg stellenweise überladen. Viele Sätze erschienen mir sehr verschachtelt oder mit so vielen Informationen versehen, dass die gewünschte Spannung eher in Verwirrung umzuschlagen drohte. Mir fehlte die visuelle Orientierung durch Seitenumbrüche und Absätze sowie die Möglichkeit, zurückzublättern, um die Wechsel zwischen den Zeitebenen besser einordnen und Zusammenhänge nachvollziehen zu können. Das machte das Hören für mich ausgesprochen konzentrationsintensiv. Dabei kann ich allerdings nicht eindeutig trennen, inwieweit diese Wirkung aus der sprachlichen und strukturellen Dichte des Textes selbst und inwieweit sie aus dem Hörbuchformat entstanden ist. Dadurch entstand dann jedenfalls der Eindruck, dass das Hörbuch für mich nicht die ideale Form für diesen Roman war.
Im zweiten Teil wurde der Roman für mich zugänglicher. Die Geschichte von Thomas als 16-Jähriger im Sommer 1979 rückte stärker in den Mittelpunkt, und mit ihr wurden auch die Themen erste Liebe, Kunst und Erwachsenwerden greifbarer. Auch die Frage, wie sich Erinnerung, tatsächliches Erleben und nachträgliche literarische Gestaltung miteinander vermischen, fand ich interessant. An einer Stelle heißt es passend: Und wer misst die Geschwindigkeit von Erinnerungen? Gerade diese Verbindung von persönlicher Erinnerung und Gegenwart gehört für mich zu den spannenden Aspekten des Romans.
Sprachlich ist Das Wasser im August zweifellos handwerklich beeindruckend und sehr literarisch. Schulzes Sprache ist dicht, präzise beobachtend, ausführlich und detailgenau, gelegentlich auch verschachtelt. Man merkt dem Text an, wie bewusst mit Sprache und Erzählperspektive gearbeitet wird.
Deshalb ist der Roman für mich ein sprachlich anspruchsvoller und sorgfältig komponierter Roman, der viele interessante Fragen über Erinnerung, Vergangenheit und den eigenen Blick auf das frühere Ich stellt. Er hat mich persönlich jedoch nur teilweise erreicht. Vor allem der fehlende erzählerische Sog in der ersten Hälfte und die hohe sprachliche und strukturelle Dichte haben mir den Zugang erschwert.
Weitere Zitate:
Auch Autos haben mal einen schlechten Tag.
Man muss ständig Entscheidungen treffen. - Und was haben sie zuletzt entscheiden müssen? - Ob ich in der Ich-Form schreibe oder in der Er-Form.
Und ich habe ständig den Song der Indie-Band Kettcar im Kopf: Ein Brief meines 20-jährigen Ichs.