Portugal habe ich in jungen Jahren oft bereist und mich dabei mit Land und Leuten beschäftigt. Erst ein Jahrzehnt zuvor hatte das Land mit der Nelkenrevolution 1974 den Estado Novo hinter sich gelassen. 1986, erst ein Jahr vor meiner ersten Reise, erfolgte der EU-Beitritt. Die 41 Jahre lange Herrschaft von António de Oliveira Salazar war noch in vielen Bereichen spürbar, die Demokratie noch jung.
Alexander Smoltczyk entführt uns nun zurück in das erste Jahrzehnt unter Salazars Herrschaft. Beginnend mit Juli 1939 geht es Schritt für Schritt und streng chronologisch bis (im wesentlichen) zum ersten Halbjahr 1942. In kleinen Kapiteln, die meist nur aus wenigen Absätzen bestehen, begleiten wir die unterschiedlichsten Personen durch die Zeit und das Land. So entsteht ein faszinierendes Gemälde der lusitanischen Hauptstadt, in dem sich wie in einem Wimmelbild alles gleichzeitig abspielt. Jüdische Flüchtliche aus Nazi-Deutschland und den besetzten Ländern finden sich hier ebenso wie SS-Agenten. Selbst eine NSDAP-Auslandsorganisation gibt es zu der Zeit in Lissabon. Künstler und Intellektuelle, vertrieben Monarchen, Sozialisten und Kommunisten kommen aus allen Teilen Europas nach Portugal; Unter Ihnen Hannah Arendt und Josephine Baker, der Agent und spätere Schriftstelle Ian Flemming, der zurückgetretene König von Großbritannien, Edward VI, einstiege Diamantenhändler, Bankiers und Industrielle, neue Hasardeure auf der Suche nach Wolfram und Zinn, Antoine de Saint-Exupéry, Erich Ollenhauer, Jean Renoir und viele mehr. Zudem finden sich natürlich auch portugiesische Protagonisten, allen voran Salazar neben dem portugiesischen Schindler Aristide de Sousa Mendes, Während sich die Stadt mehr und mehr mit Flüchtlingen füllt, deren letzte Hoffnung es ist, eine Schiffspassage nach Übersee zu ergattern, veranstaltet das Regime 1940 auch noch eine portugiesische Weltausstellung, um sich in Glanz und Gloria der eigenen Geschichte zu präsentieren.
Das Hörbuch wird grandios gelesen von Uve Teschner, einem absoluten Hörbuchprofi. Teschner gelingt es, die Fragmente aus unterschiedlichen Perspektiven so vorzutragen, dass ich mich dem Sog und der Dynamik nicht entziehen konnte. Wie ein Krimi hielt mich dieser Überblick dadurch gefangen. Zudem trägt er die portugiesischen Namen und Bezeichnungen in der Landessprache korrekt vor. Allein, auch Teschner konnte am Ende nicht verhindern, dass mir der Überblick verloren ging. Die strenge Chronologie bringt es mit sich, dass man von Tag zu Tag springt und es ist ungemein herausfordernd, sich in diesem Gemenge an Personen, Interessen und Ereignissen nicht zu verlieren.
Schließlich habe ich mir zusätzlich das Buch gekauft. Bereits der Umschlag gefällt mir ausgesprochen gut. Vorde- und Rückseite zeigen zeitgenössische Schwarzweiß-Fotografien. Weitere Fotografien dieser Art finden sich über das Buch verteilt, ebenso Porträtbilder von vielen Personen, die in dem Buch eine Rolle spielen. Vorsatz- und Nachsatz zeigen Übersichtskarten von Lissabon und der Tejo-Mündung. Dies verleiht eine gute Übersicht über die Schauplätze. Ein Adressbuch und ein Quellen- und Literaturverzeichnis runden das Buch ab. Hier hätte ich mir zusätzlich ein Personen- und Stichwortregister gewünscht. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau. Lissabon 1941 ist ein hervorragendes Sachbuch, welches ich uneingeschränkt empfehlen würde. Das Hörbuch ist eine wunderbare Ergänzung. Das Hörbuch allein würde ich nur Menschen empfehlen, die sich mit der dem Who is Who der damaligen Zeit und der europäischen Geschichte bereits einigermaßen auskennen.