Achtsamkeitstrainings stehen hoch im Kurs. Erfolgversprechend sind sie eher, wenn man freiwillig hingeht und nicht wie bei Marlene eine Bedingung für den nächsten Karriereschritt ist. Die Hauptfigur des Romans muss sich darauf einlassen, wenn sie Vorstandsvorsitzende des Aviola-Konzerns werden will. In einem abgelegenen Schloss soll ihr der Achtsamkeitscoach Alex Grow soziale Kompetenz und Empathie beibringen.
Was mich sofort gefangen genommen hat, war die scharfsinnige Art, mit dem Thema umzugehen. Der Roman nimmt die Selbstoptimierung, den Heilungswahn und die übertriebene Wokeness mit viel Witz und einer wunderbar ironischen Distanz auf die Schippe. Die Chemie zwischen der kontrollierten Top-Managerin, die sich völlig fehl am Platz fühlt, und dem Akademieleiter, der selbst in einer Sinnkrise steckt, sorgt für Dynamik. Und die Sprecherin Vera Teltz bringt Marlenes missmutigen und abfälligen Ton perfekt rüber.
Anfangs bleibt Marlene verschlossen und skeptisch, doch nach und nach wird sie durch verschiedene Begegnungen mit Gefühlen, Mitmenschlichkeit und Verletzlichkeit konfrontiert. Verdrängte Erinnerungen kommen hoch und stellen ihr bisheriges Leben in Frage. Mir gefällt, dass Marlenes Verwandlung eher äußeren Umständen als dem Akademieangebot zu verdanken ist, doch ihre Entwicklung ist mir zu geradlinig. Ich hätte mir mehr Überraschungsmomente gewünscht, die Marlene nicht so schnell zu ihrem Aha-Erwachen führen.