Viel Potenzial mit wenig Tiefe. Mehr Hype als philosophischer Inhalt!
In 'Die Mitternachtsbibliothek' greift Matt Haig eine Idee auf, die auf den ersten Blick wirklich spannend klingt. Ein Ort zwischen Leben und Tod, an dem man all die nicht geführten Leben ausprobieren kann, verspricht ein Konzept mit enormen Potenzial. Leider konnte mich die Umsetzung am Ende deutlich weniger überzeugen, als ich es erwartet hatte.Im Zentrum der Geschichte steht Nora Seed, die mit ihrem Leben zutiefst unzufrieden ist. Vieles ist anders gelaufen, als sie es sich früher vorgestellt hatte. Beziehungen sind zerbrochen, Chancen wurden verpasst und nach und nach entsteht bei ihr das Gefühl, an jeder falschen Abzweigung ihres Lebens gestanden zu haben. In einem Moment völliger Verzweiflung trifft sie schließlich eine drastische Entscheidung. Doch statt einfach zu sterben, erwacht sie in der sogenannten Mitternachtsbibliothek. Dort begegnet sie einer alten Bekannten, welche ihr mögliche Alternativen von ihrem Leben in Form von Büchern präsentiert. Nora bekommt nun die Chance, all diese Versionen auszuprobieren. Genau an diesem Punkt beginnt auch der Kern der Geschichte. Nora springt von Leben zu Leben und erlebt verschiedene Varianten dessen, was aus ihr hätte werden können. Mal ist sie erfolgreich, mal lebt sie ein völlig anderes Leben als das, das sie bisher kannte. Die Idee dahinter fand ich tatsächlich sehr interessant. Gerade dieser Gedanke, dass kleine Entscheidungen den gesamten Lebensweg verändern können, bietet eigentlich viel Raum für spannende Entwicklungen. Allerdings stellte sich bei mir relativ schnell Ernüchterung ein. Viele der alternativen Leben wirkten auf mich recht vorhersehbar, sodass der Überraschungseffekt oft ausblieb. Statt immer neue Perspektiven zu eröffnen, fühlten sich einige Abschnitte eher wie Variationen desselben Gedankens an. Dadurch verlor die Geschichte für mich nach und nach an Spannung. Teilweise erinnerte mich das Ganze an eine vereinfachte Variante des Butterfly-Effekts, nur ohne dessen wirkliche Komplexität.Auch die emotionale Ebene konnte mich leider nicht wirklich erreichen. Das Buch versucht immer wieder große Themen wie Reue, Lebensentscheidungen oder Selbstakzeptanz anzusprechen. Zwar sind die Ansätze dafür durchaus vorhanden, doch für mich blieb vieles eher an der Oberfläche. Statt wirklich tief in Noras Gedankenwelt einzutauchen, wirkten manche Passagen eher wie vereinfachte Lebensweisheiten. Dadurch entstand bei mir stellenweise das Gefühl, dass hier viel über Lebensphilosophie gesprochen wird, ohne wirklich neue Perspektiven zu eröffnen.Ähnlich ging es mir auch mit dem Schreibstil. Grundsätzlich lässt sich das Buch schnell lesen durch den simplen Schreibstil, allerdings empfand ich viele Stellen als recht repetitiv. Einige Gedanken tauchen immer wieder auf, nur leicht anders formuliert, wodurch sich die Handlung zieht. Ein richtiger Lesefluss wollte bei mir deshalb nicht entstehen und gegen Ende musste ich mich ehrlich gesagt ein wenig durch das Buch kämpfen. Auch die Figuren bleiben für mich eher blass. Obwohl Nora im Mittelpunkt der Geschichte steht, hatte ich selten das Gefühl, wirklich eine starke Verbindung zu ihr aufzubauen. Ihre Emotionen werden zwar beschrieben, bleiben aber oft recht distanziert. Viele Nebenfiguren tauchen zudem nur kurz auf und verschwinden genauso schnell wieder aus der Handlung. Insbesondere das Ende konnte diesen Eindruck für mich leider auch nicht mehr verändern. Bis zum Schluss zieht sich die Handlung abermals unnötig in die Länge und wirkt dadurch etwas vorhersehbar. Zwar wird die Botschaft des Buches deutlich, überrascht aber nicht wirklich und platziert diese eher im Mittelfeld.Kurzfazit:Insgesamt ist 'Die Mitternachtsbibliothek' für mich deshalb kein schlechtes Buch, aber auch keines, das mich nachhaltig begeistern konnte. Die Grundidee ist interessant und hätte viel Potenzial gehabt, doch in der Umsetzung bleibt vieles zu oberflächlich. Am Ende bleibt für mich deshalb ein eher durchschnittlicher Eindruck. Es ist nur solide, aber weit entfernt von dem Hype um dieses Buch.