Rezension zu Matt Haigs ¿Die Mitternachtsbibliothek¿: 300 Seiten voller Unreife und Schuldzuweisungen
Für mich ist"Die Mitternachtsbibliothek"das schlechteste Buch, das ich im Jahr 2026 gelesen habe. Statt einer tiefgründigen philosophischen Erzählung bekam ich eine Geschichte über eine Protagonistin, deren ständiges Jammern und ihre Weigerung, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen, bei mir vor allem Frustration ausgelöst haben.Das größte Problem von Nora Seed ist ihre ständige Suche nach Schuldigen. Ihr ganzes Leben lang schiebt sie die Verantwortung für ihr Unglück auf andere Menschen. Zuerst sind es ihre Eltern, die sie angeblich aus purem Egoismus zum Schwimmen gezwungen haben. Danach richtet sich ihr unerklärlicher Groll gegen ihren Bruder Joe, dessen Leben sie angeblich zerstört haben soll, weil sie die Band verlassen hat. Dabei scheint der eigentliche Grund eher ihre Angst vor Verantwortung und davor zu sein, auf einer Bühne zu stehen. Selbst ihr "Buch der Reue" ist letztendlich nur ein riesiger Band voller Selbstvorwürfe, der eher wie ein Versuch wirkt, ihre eigene Untätigkeit durch äußere Umstände zu rechtfertigen.In der Mitternachtsbibliothek setzt Nora dieses Muster fort: Sie sucht nach dem perfekten Leben, das scheinbar von anderen Menschen für sie erschaffen werden soll. Sie "probiert" verschiedene Rollen aus - die einer Olympiasiegerin, eines Rockstars oder einer Wissenschaftlerin - wie Kleidung in einem Geschäft. Der gesamte Prozess erinnert an die Nutzung einer verbesserten Suchmaschine, bei der die Bibliothekare nur dabei helfen, die richtige Anfrage einzugeben. Über 300 Seiten hinweg sehen wir eine Figur, die kaum echte Anstrengungen unternimmt, ihre Realität zu verändern, sondern lediglich Bücher aus den Regalen zieht und darauf hofft, dass irgendwo ein Leben existiert, das einfach von selbst zu ihr passt.Die zentrale Idee des Romans - "Was wäre, wenn ich anders gehandelt hätte?" - bleibt für mich eine oberflächliche Spielerei. Wie einige Kritiker bereits bemerkt haben, ist die Handlung sehr geradlinig, und Nora kommt viel zu schnell zu einfachen Erkenntnissen. Eine perfekte Welt existiert nicht, und Noras Versuch, sie durch "magische Türen" zu finden, wirkt eher wie die Flucht eines Menschen, der Angst davor hat, wirklich zu leben.Ein vollständiges Bild einer Persönlichkeit entsteht nicht dadurch, dass man alternative Realitäten betrachtet, sondern durch die täglichen Herausforderungen und Anstrengungen im echten Leben. Erst ganz am Ende, als die Bibliothek buchstäblich zusammenbricht, versteht Nora, dass sie ihre eigene Geschichte selbst schreiben muss. Bis dahin muss sich der Leser jedoch durch endlose Beschwerden einer Figur kämpfen, die sogar auf ihre tote Katze neidisch ist, weil diese keinen Schmerz mehr empfinden kann.Fazit: Für mich ist dieses Buch deutlich überbewertet. Es ist eine manipulative Geschichte, in der intellektuelle Elemente - etwa Zitate von Thoreau oder Camus - eher als Dekoration dienen, um den Egoismus und die Passivität der Hauptfigur zu rechtfertigen. Das wahre Leben lernt man nicht kennen, indem man Seiten nach der bequemsten Version seiner Zukunft durchsucht, sondern indem man sich Herausforderungen stellt und Verantwortung übernimmt.