Artensterben. Ja, ich weiß. Das klingt jetzt nicht unbedingt nach einem Buch, das man sich für einen gemütlichen Sonntagnachmittag schnappt und danach bestens gelaunt wieder zuklappt.
Aber genau deshalb fand ich die Idee hinter diesem Buch so spannend.
19 Autor*innen beschäftigen sich hier mit ausgestorbenen oder vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten. Mit dabei sind unter anderem Daniela Dröscher, Carolin Wahl, T. C. Boyle und Iris Wolff. Genauso unterschiedlich wie die Autor*innen sind auch deren Geschichten.
Mal wird es traurig, mal ziemlich skurril, mal poetisch und dann gibt es wieder Texte, die einen regelrecht wütend machen. Es geht in die Vergangenheit, in die Gegenwart und manchmal in komplett andere Perspektiven. Das mochte ich sehr, weil dadurch das Thema nicht 19x auf die gleiche Art erzählt wird.
Schon das Vorwort hat es in sich. Dort wird einem nämlich direkt ziemlich deutlich vor Augen geführt, wie viele Tier- und Pflanzenarten täglich verschwinden. Und natürlich weiß man das alles irgendwie. Klimawandel, zerstörte Lebensräume, Umweltverschmutzung, immer mehr Flächen, die wir Menschen für uns beanspruchen kennt man. Hat man gehört. Hat man gelesen.
Aber und das fand ich beim Lesen fast ein bisschen erschreckend man gewöhnt sich offensichtlich auch an solche Meldungen. Und da will ich mich auch nicht ausnehmen! Eine Zahl ist eben erst einmal eine Zahl. Wenn man dann aber die Geschichte einer einzelnen Art liest, wird plötzlich alles viel naher.
Besonders nahegegangen sind mir die Texte über den chinesischen Flussdelfin und den Riesenalk. Da war dieses abstrakte Artensterben auf einmal gar nicht mehr abstrakt. Und genau darin liegt für mich die große Stärke dieses Buches.
Es erzählt nicht einfach nur von Tieren und Pflanzen, die verschwunden sind oder zu verschwinden drohen. Es verbindet Fakten und Wissenschaft mit Literatur und Poesie.
Literatur lässt uns die Welt, in der wir leben, mit anderen Augen sehen: Wer liest, kann an zwei Orten gleichzeitig sein. Wer liest, kann mühelos durch alle Zeiten reisen. Und wo sonst, wenn nicht in der Literatur, ist es uns gegeben, Tote wieder auferstehen zu lassen. (S. 10)
Das funktioniert erstaunlich gut, ohne dass ich irgendwann das Gefühl hatte, hier gerade heimlich ein Sachbuch untergejubelt bekommen zu haben.
Natürlich haben mich nicht alle 19 Texte gleich stark erwischt. Bei einer Anthologie wäre das wahrscheinlich auch ein kleines Wunder. Manche Geschichten haben mich sofort gepackt, bei anderen brauchte ich ein bisschen länger und langweilig fand ich tatsächlich nur eine einzige
Am Ende bleibt bei mir vor allem der Gedanke hängen, dass wir so oft über die Umwelt, die Natur oder das Artensterben reden, dass das alles manchmal erschreckend weit weg klingt. Dieses Buch macht daraus wieder einzelne Geschichten.
Und plötzlich ist es eben nicht mehr irgendeine Art, die irgendwann irgendwo verschwindet.
Das fand ich ziemlich eindrücklich.
Für mich eine wirklich besondere Sammlung, die unterhält, Wissen vermittelt, manchmal wehtut und vor allem zum Nachdenken bringt. Kein Wohlfühlbuch, aber eines, das ich sehr gerne gelesen habe und das definitiv noch ein bisschen im Kopf bleiben wird.
Und vielleicht sorgt es ja bei dem einen oder anderen dafür, beim nächsten Artensterben-Beitrag nicht ganz so schnell weiterzuscrollen. Mich eingeschlossen. Empfehle ich gern weiter.