Anna und Carlo lernen sich im Norden Italiens kennen und lieben, sie gründen eine Familie und bald darauf vermacht Carlos Onkel Luigi ihnen alles. Land, Häuser und ein hübsches Sümmchen. Darum gehen sie weg aus Ligurien, aus Annas Heimat, um in Lizzanello, das in der süditalienischen Region Apulien liegt, neu anzufangen. Carlo ist hocherfreut, endlich wieder in seiner alten Heimat zu sein, auch heißt sein Bruder Antonio ihn und seine Anna herzlich willkommen. Für die Bewohner des Dorfes jedoch ist Anna die Fremde.
Francesca Giannone erzählt vom Leben ihrer Urgroßmutter Anna Allavena, deren Leben sie in Briefen, Fotos und Dokumenten nachspürt, die sie eher zufällig im Haus ihrer Eltern in einer Schublade entdeckt hat. Von Anna, einer Frau, die sich von der männerdominierten Gesellschaft nicht von ihren Zielen hat abbringen lassen.
Im Juni 1934 kommen Anna und Carlo mit ihrem kleinen Roberto in Lizzanello an und wie es so ist im Leben, wird Anna kritisch beäugt. Nicht nur von denen aus dem Dorf, auch Agata, ihre Schwägerin, tritt ihr gegenüber ziemlich reserviert auf. Was Anna nicht davon abhält, ihre eigenen Ideen durchzusetzen. Daheim war sie Lehrerin, hier ist eine Stelle als Briefträger vakant, also bewirbt sie sich. Signora Portalettere ist zunächst zu Fuß, später dann mit dem Fahrrad unterwegs.
Neben der Familie sind es doch so einige Personen, die gut eingeführt werden, sodass der Überblick nicht verloren geht, auch schwingt der beginnende Faschismus mit hinein, Annas Leben mit ihrer Familie und jenes im Dorf jedoch stehen im Vordergrund. Sie ist ihrer Zeit weit voraus, sie ist eine selbstbestimmte Frau, die sich auch für andere einsetzt, die der Engstirnigkeit der Dorfbewohner, die im Gestern verharren, die ihre Vorurteile pflegen, unerschrocken entgegentritt. Da ist etwa Giovanna, die als die Verrückte gilt, dabei hatte sie nie eine Chance, Schreiben und Lesen zu lernen. Annas Idee von einem Frauenhaus stößt im Dorf auf Unverständnis, eine lebenslange Lüge droht, viel Leid nach sich zu ziehen das Buch ist so viel mehr als nur die Geschichte um Signora Portalettere.
Es ist ein Zeugnis jener Zeit, ein Blick auf die Gesellschaft, auf die Dorfgemeinschaft und auf die Liebe - auch sie zieht sich durchs Buch, nicht nur jene zwischen Anna und Carlo. Vom Sommer 1934 bis in dem August des Jahres 1961 hat dieser Roman eine schier unendliche Fülle an Leben parat, das mit leisem Ton, aber dennoch übervoll von einer unerschrockenen Frau erzählt, die stets für andere da ist, sich vor sie stellt und nicht müde wird, für deren Belange zu kämpfen. Ja, Anna hat die Hosen an, auch im wörtlichen Sinne, was damals ziemlich skandalös war. Das Buch, die Geschichte um DIE BRIEFTRÄGERIN, hat mich tief bewegt. Ich habe das Buch genossen, es entwickelt seinen ganz besonderen Reiz, dem ich mich nicht entziehen konnte und es auch nicht wollte. Ein absolut empfehlenswertes Buch.