
Als er im Sterben lag, sagte Paul Auster seiner Frau, er wolle ein Geist werden. Und das ist er für Siri Hustvedt geworden: eine allzeit spürbare Präsenz, schmerzlich und tröstlich zugleich. Sie trägt seine Jacke, sie meint, seine Zigarillos im Haus zu riechen, sie liest seine Bücher von Neuem. Und zum ersten Mal seit langer Zeit liest sie ihre eigenen Liebesbriefe, vom Beginn einer gemeinsamen Geschichte, die 43 Jahre währen sollte.
Mit ihrem beispiellosen Trauer-, Gedächtnis- und Liebesbuch nähert sie sich dem unmöglichen Wunsch, Paul zu neuem Leben zu erwecken. Und Paul selbst kommt zu Wort, mit Briefen, die er für den Monate vor seinem Tod geborenen Enkel Miles hinterlassen hat.
In diesem großen Werk der Erinnerung werden Fragen aufgeworfen, die alle Menschen angehen; es lässt eine einzigartige Liebes- und Lebensgemeinschaft wiedererstehen, die des legendär gewordenen Autorenpaars aus Brooklyn.
Besprechung vom 14.03.2026
Die Geister, die sie riefen, bleiben gegenwärtig
Siri Hustvedt legt nach Paul Austers Tod ein eindrucksvolles Erinnerungsbuch vor: "Ghost Stories".
Von Ursula Scheer
Am 30. April 2024 um 18.58 Uhr ist Siri Hustvedt aus der Zeit gefallen. Ihr Leben endete nicht wie das ihres Mannes Paul Auster in dieser Minute. Doch in die Trauer gestürzt, verlor sie vorübergehend den Halt in jeglicher zeitlichen Ordnung: Minuten, Stunden oder Tage ließen sie innerlich straucheln, dehnten sich oder zogen sich zusammen. Ihr Atem stockte, das Herz raste, der Schlaf blieb aus - ihr Körper, in dem die Erinnerung währt, geriet aus dem Rhythmus des Lebens, fand seine Orientierung nicht im getakteten Immerweiter der Übrigen. Wie anders als schreibend hätte sie sich den Gefühlen der Ohnmacht und des Schmerzes stellen können, einen Weg bahnen bis in Sichtweite des ersten Jahrestags seines Todes?
Siri Hustvedt, die gefeierte New Yorker Schriftstellerin, die als Ehepartnerin eines berühmten Schriftstellers niemals hinter ihm zurücktrat, bewegt sich durch die Welt der Neurowissenschaften ebenso sicher wie durch die der Fiktionen oder der Literaturtheorie. Sie weiß, dass Worte, in Zeilen gereiht, wie auf einem Zeitstrahl dahinfliegen und dabei doch eine Kreisbewegung vollführen und Entschwundenes zurückholen können. "Wie seltsam Zeit ist, was Zeit auch sein mag, aber Erinnerung geschieht immer in der Gegenwart", schreibt sie. "Die Vergangenheit des Schreibens wird zur Gegenwart des Lesens." Nichts und niemand kommt körperlich zurück - doch als Vergegenwärtigung, geisterhaft. "Ich will ein Geist sein", sagte Paul Auster in den letzten Tagen, die er dem Lungenkrebs noch abtrotzen konnte. Und so sind die "Ghost Stories", die Siri Hustvedt verfasst hat, mindestens in dem Maße ein intimes "Buch der Erinnerung" an eine große Liebe wie ein aus vielfältigen Materialien - Briefen, Tagebucheinträgen, Notizen - sich zusammensetzendes Nachdenken über die Zeit und das Schreiben, die Krankheit und den Tod, über Geschichten und Geschichte, das, was war, wurde und dauerhaft verbindet.
Entscheidend ist das kapitale "UND". "Ja, ich trauere um Paul, aber meistens trauere ich um Siri und Paul", stellt Siri Hustvedt klar: "Ich trauere um das UND. Ich trauere um das Gefühl, das dieses UND mir in der Welt bereitete. Das UND, in dem er und ich einander überlagerten." Autonomie und innere Verwobenheit, davon vermitteln die "Ghost Stories" in biographischen Vignetten eine klare Vorstellung, konstituierten diese Partnerschaft auf Augenhöhe gleichermaßen. Siri Hustvedt erzählt Geschichten der wechselseitigen Beeinflussungen, in denen literarische Figuren die Autorschaft wechselten und beide Literaten einander Sparringspartner waren - erste Leser und Kritiker sowieso.
In 43 gemeinsamen Jahren- die Zahl sagt, für sich genommen, nicht viel aus und wird dennoch als bedeutsam wahrgenommen - sammelten sich ungezählte Zweisamkeiten: Insiderwitze wie die Zugehörigkeit zum "Blue Team", die Rede von der "Fülle der Probleme" oder die in dieser erotisch-intellektuellen Beziehung tatsächlich erregende Frage "Becket oder Burroughs?". Dieses geteilte Leben war, obwohl von schwerem Leid berührt, den "Ghost Stories" nach auch ein großer, sinnlicher Spaß. Der Mann, dessen Abwesenheit in klarer Prosa umkreist wird, ist nur teilweise aufgehoben in seinen Texten oder ihrem Gedächtnis. Er war der Körper für ihren Körper, wie sie es nennt, "ein sprechender, denkender, gestikulierender Körper, und er war schön". Der Verlust des Geliebten ist der seines Begehrens und der Spiegelung in seinem Blick. Das ist eine universelle Erfahrung.
Ein gespaltener Baum, ein amputierter Mensch: Siri Hustvedt ruft solche zu Klischees gewordenen Bilder der Entzweiung durch den Tod auf und geht rasch an ihnen vorbei. Ein Leitgedanke ihres Buches stammt von dem französischen Philosophen Maurice Merlau-Ponty: die Idee der Zwischenleiblichkeit, einer körperlichen Verbundenheit, die der sprachlichen vorausgeht, nicht nur zwischen Mutter und Kind oder Liebenden. Geistiges wird vom Leben einverleibt. Wie aber Physiologie und Psychologie zusammenhängen - eine der Fragen, die Siri Hustvedt seit Langem beschäftigen -, beantwortet auch der Tod nicht. Transzendentalen Trost gibt es hier nicht, selbst wenn die Witwe einmal unerklärlich die Präsenz des Verstorbenen wahrnimmt.
Wir lesen von Siri Hustvedt vor Paul Austers Tod an Freunde gesandte E-Mails, eigentlich Krankheitsbulletins. Wir folgen ihm anhand ihrer Tagebucheinträge nach "Krebsland", auf die Höllenfahrt zwischen Chemotherapie, Erholung, neuem Notfall, Delirium, abermaliger Erholung, wieder Therapie bis zur Hoffnungslosigkeit - und ans Totenbett. Dann geht es zurück auf Los, als der Blitz bei ihrer Hochzeit einschlug. Alte wiedergefundene Briefe aus einer Trennungsphase davor zeigen Erinnerung und Imagination als Zwillinge. Siri Hustvedt scheut nicht davor zurück, "die schrecklichen Dinge", wie Paul Auster sie nannte, aufzubringen: Am 1. November 2021 starb seine zehn Monate alte Enkelin, die Tochter seines Sohns David aus erster Ehe, an einer Überdosis Heroin und Fentanyl. Knapp ein halbes Jahr später verabreichte David Auster, wegen der mutmaßlichen Tötung seines Kindes festgenommen und auf Kaution frei, sich selbst eine tödliche Dosis Drogen. Das Medieninteresse an der Tragödie war enorm. Siri Hustvedt stellt die Möglichkeit in den Raum, dass die Krebserkrankung ihres Mannes damals ihren Anfang genommen haben könnte.
Mit dem großen Buch der amerikanischen Gegenwartsliteratur über das Trauern, Joan Didions "Das Jahr des magischen Denkens", verbindet "Ghost Stories" außer dem Thema und einem nichtlinearen, Assoziationen folgenden Vorgehen wenig. Statt klirrender Kälte schlägt einem die "geisterhafte Wärme" entgegen, die Worte auf Papier ausstrahlen können. Das verdankt sich vor allem Miles, dem Enkel, dessen Geburt Paul Auster gerade noch erlebte und an den eine Handvoll Briefe zu schreiben ihm die Zeit blieb. Siri Hustvedt hat sie ins Buch aufgenommen: Der Dialog mit ihrem Mann ist nicht beendet. In einem der an den älter gewordenen Enkel der Zukunft gerichteten Briefe erzählt er, wie dessen Mutter den 11. September 2001 erlebte. Das Schreckliche und Hoffnungsvolle bleiben im Privaten wie Politischen, im Kleinen wie Großen untrennbar verbunden. Das macht "Ghost Stories" zu einer berührenden Lektüre, die weit über die Geschichte von Siri und Paul hinausweist.
Siri Hustvedt: "Ghost Stories". Ein Buch der Erinnerung.
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026.
400 S., geb.
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