
Ein Jahr, eine Straße, ihre Menschen: Robert Seethalers neuer Roman
Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in ihr alles, was Menschen passieren kann.
Ein Junge wird vom Jagdfieber gepackt. Ein anderer weiß nicht, wohin mit seiner Wut. Eine Blumenhändlerin lebt für einen Mann, der sie nicht einmal sieht. Eine Heimleiterin wacht über ihre Schützlinge und ist selbst die Einsamste von allen. Ein Geistlicher kommt seiner Gemeinde abhanden. Sorge rüttelt an den Bewohnern, Sehnsucht treibt sie nachts auf die Straße, die Liebe bringt sie um den Verstand. Sie haben Träume und Geheimnisse. Ihre Wege kreuzen sich täglich, doch was wissen sie voneinander?
In seinem neuen Roman verknüpft Robert Seethaler ihre Geschichten zu einem Mosaik der Augenblicke - und damit des Lebens selbst.
»Der Gott des Gefühls kleiner Leute: Robert Seethaler hat das Talent, Charaktere und Landschaften ganz ohne Geschwätz und Schwerfälligkeit zu erzeugen in der für ihn so typisch entschlackten und schnörkellosen Sprache. « FAZ
Besprechung vom 29.04.2026
Im Wegenetz der Gesellschaft
Eine literarische Fremdenführung auf engstem Stadtraum und mit augenöffnender Präzision der Stimmen: Robert Seethalers neuer Roman "Die Straße".
Ein neuer Seethaler - das ist für Buchhandel und Publikum seit anderthalb Jahrzehnten regelmäßig ein Fest. Seit dem Überraschungserfolg mit "Der Trafikant" brachte der 1966 geborene Robert Seethaler in jeweils drei- bis vierjährigem Abstand weitere Romane heraus: "Ein ganzes Leben" (Seethalers internationaler Durchbruch), "Das Feld", "Der letzte Satz", zuletzt 2023 "Das Café ohne Namen" - jeder ein Bestseller. Nun kommt "Die Straße", und von dem notorisch öffentlichkeitsscheuen Seethaler selbst ist zu hören, es könne sein letztes Buch sein. Sollte dem tatsächlich so sein, hätte sich der österreichische Schriftsteller und Schauspieler, der seit Langem in Berlin lebt, einen grandiosen Abgang verschafft.
Denn "Die Straße" bietet noch einmal ganz Neues, obwohl Handlung und Stil altvertraut wirken. Wie auch so manches Detail, etwa eine Kneipe namens "Zum goldenen Mond", die schon im Vorgängerroman einen Auftritt hatte, wo sie die Kulisse für die Begegnung mit einem ehemaligen Seethaler-Protagonisten bot: Kurt Dvorczak, einem der beiden Titelhelden aus dem Debütroman "Die Biene und der Kurt" (2006). Dvorczak sorgt im schillernden Elvis-Outfit für Retromusikunterhaltung auf Volksfesten, und nun kehrt er im neuen Buch ein drittes Mal zurück, wenn auch diesmal namenlos und wie aus dem Off: "Hinter der Bühne schlüpfen schon die Musiker in ihre strahlend weißen, über und über mit silbernen Pailletten und bunten Steinchen bestickten Showanzüge" - aber das ist eben Heartbreakin' Kurt, wie er schon zweimal im Buche stand. Seethaler liebt seine Figuren; das merkt man nicht nur einer solchen mehrfachen Wiederkehr an.
War das "Café ohne Namen" geographisch eindeutig in der Realität verankert (um den Karmeliterplatz in der Wiener Leopoldstadt), ist die Heidestraße als exklusiver Schauplatz des neuen Romans eine imaginäre Szenerie, die sowohl wieder in Wien (darauf deuten die Personennamen hin) als auch in Berlin (das soziale Umfeld) angesiedelt sein könnte, und in beiden Städten gibt es denn auch Heidestraßen, aber die haben mit der von Seethaler nichts zu tun. Seiner Heidestraße gibt er eine akribisch simulierte Entwicklungsgeschichte bei: vom Bebauungsplan des neunzehnten Jahrhunderts über den Ausbau zum Arbeiterquartier und die Folgen zweier Kriege (mit Bombenschäden im späteren) bis zu neueren Bausünden.
Doch dafür braucht Seethaler nicht einmal eine Buchseite, denn die eigentliche Ortsbegehung vollzieht sich anders. Es ist bei der Lektüre, als würde man immer tiefer ins Straßenleben eingeführt: Bewohnern werden sukzessive Namen und Adressen zugeordnet, wir besuchen anliegende Ladenlokale und Einrichtungen, besichtigen die Statue eines ominösen Heiligen namens Jolander, bekommen sogar dessen Vita aus einem mehr als dreißig Jahre alten Gemeindebrief zu lesen (im längsten der vielen kurzen Abschnitte dieses Romans) - doch je konkreter die Enthüllungen werden, desto opaker zeigt sich der Mikrokosmos der Heidestraße.
Zumal manche Protagonisten dann doch nie benannt werden und manches Gebäude ohne Anschrift bleibt. Das kombinatorische Element kapituliert jedoch auf produktive Weise. Denn am Schluss versteht man, dass jede der handelnden Personen eine derartige Komplexität aufweist, dass sie besser durch die hier gebotenen Schlaglichter ausgeleuchtet wird als mittels epischer Zugriffe. Seethaler ist seit "Ein ganzes Leben" berühmt für seine erzählerische Effizienz. Aber hatte er dort noch 160 Seiten auf die eben genannte Erkenntnis verwendet, so stecken in dem gerade einmal siebzig Seiten längeren Roman "Die Straße" diesmal an die zwanzig ganze Leben.
Da ist etwa der allgemein misstrauisch beäugte aus dem Nahen Osten zugezogene praktische Arzt Dr. Aysal, der sowohl in Arbeitsethos als auch Ernährungsweise mitteleuropäischer ist als die meisten seiner Straßennachbarn. Da ist die Blumenhändlerin Gregorina Szavka, die erst spät, aber dafür umso prägender in die Handlung Einzug hält. Da ist der noch minderjährige Sohn von Margarete Lotzky, der beim jährlichen Straßenfest im November (zwei von ihnen rahmen die Handlung) über die Stränge schlägt. Oder das Ehepaar Mercier, deren Wohnung zwangsgeräumt wird - als letzte in einem systematisch entmieteten Mehrfamilienhaus: "Seine Frau war schon vorgefahren, um in der neuen Wohnung alles vorzubereiten. Als es zu regnen begann, kramte Herr Mercier einen Schirm aus einer Kiste. Es war ein rosaroter Kinderschirm mit Mickymäusen darauf. Als der Lkw abfuhr, stand er noch lange da, mit rosa beschattetem Gesicht unter den tanzenden Mäusen." Derart unvergessliche Augenblicke (im wörtlichen Sinne) sind Legion in diesem Roman.
Das formal Neue am neuen Seethaler ist das Stimmenkonzert. Mit jedem Abschnitt wechseln Perspektive und Form; es finden sich auktoriales und streng subjektives Erzählen, da stehen bühnengerecht inszenierte Dialoge neben kakophonisch arrangiertem Gesprächsdurcheinander, es gibt Schadenschroniken zu lesen, Gesuche und Protokolle, Predigten zu hören und innere Monologe. Nur gelegentlich bietet Seethaler kleine Suiten derselben Textgattung: Liebesbriefe. Doch darin ist dann auf kleinstem Raum ein verheerender Umschlag der Leidenschaft zu verfolgen.
Man könnte sagen, "Die Straße" entfaltet ein ganzes literarisches Wegenetz durch unsere Gesellschaft, auf und unter deren Oberfläche. Es gibt erzählerische Magistralen wie die scheiternde Existenzgründung eines Antiquars oder die ambivalente Beziehung einer jungen Frau zu ihrer pflegebedürftigen Erbtante. Und es gibt Sackgassen, Umleitungen, Parallelstrecken, Einbahn- und sogar Hochstraßen, die uns hinauf über die Dächer führen. Aber Seethalers eigener Blick geht nie über die Firste hinweg zur Außenwelt; sein Fokus liegt konsequent auf der Heidestraße, und deren Bewohner geraten einer nach dem anderen in die Lichtkegel seines Verfolgers. Einige nur einmal, andere immer wieder. Aber: "Wenn man die Dinge nur lange genug anschaut, offenbart sich mitunter eine Schönheit, die hinter jeder Fassade und somit jenseits unserer Vorstellungskraft liegt." Allerdings nicht jenseits der Beschreibungskraft von Robert Seethaler. ANDREAS PLATTHAUS
Robert Seethaler: "Die Straße". Roman.
Claassen Verlag, Berlin 2026.
232 S., geb.
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