Griechische Tragödie in einem exklusiven College. Lange nicht so gut wie alle sagen.
Ein abgelegenes College irgendwo in den Bergen von Vermont. Der Icherzähler, aus einer bildungsfernen Mittelschichtfamilie in Kalifornien, fühlt sich fremd unter all den reichen, verwöhnten Prep-School-Kids. Er schafft es in den exklusiven und hermetisch abgeschotteten Zirkel des Altgriechisch-Professors Julian und findet dort Anschluss an eine sehr spezielle Studentenclique. Bei einem Wochenende auf dem Land töten die Studenten im nächtlichen Rausch einen örtlichen Farmer. Ein Kommilitone erfährt die Wahrheit, er erpresst die andern und muss deshalb sterben. An der Schuld und den Folgen der Tat zerbricht die Gruppe und alle streben in der einen oder anderen Form ihrer persönlichen Hölle entgegen."The Secret History" lebt von der Idee, den Mechanismus einer klassischen griechischen Tragödie - mit schuldloser Schuld und der erbarmungslosen Bestrafung durch ein göttliches Schicksal - in der Jetztzeit aufleben zu lassen. Die Idee ist gut, schreiben kann Donna Tartt auch - kein Wunder, dass das Buch bei Publikum und Kritik ein Riesenerfolg war.Die verwöhnte Clique amoralischer reicher Collegekids, die sich berauschen wollen und nach Extremen haschen, der exzessive Konsum von Alkohol und anderen Drogen, all das erinnert stark an das Werk des Studienfreundes von Tartt, Bret Easton Ellis, dem das Buch auch in Dankbarkeit gewidmet ist. Die Story um den schmarotzenden Erpresser Bunny und seine Italienreise wirkt wie eine Hommage an Patricia Highsmith und ihren talentierten Tom Ripley, wie das ganze Buch, das doch in den 1980-ern spielen soll, für mich viel mehr den Esprit der Zeit knappe dreißig Jahre zuvor atmet. Die beklemmende Phase, in der die Studenten bange darauf warten, dass Leiche und Tat entdeckt werden, erinnert an Dostojewski, der auch prompt erwähnt wird, für alle, denen die Anspielung entgangen sein sollte. Der Text ist klug geschrieben, voller geistreicher Zitate und Referenzen, auf Griechisch, Lateinisch, Französisch, Deutsch. Eigentlich genau mein Ding.Dennoch hat mir das Buch nicht gefallen. Zumindest nicht so gut wie den vielen, die des ungebremsten Lobes voll sind. Und lange nicht so gut wie der "Distelfink" (The Goldfinch), den ich davor gelesen habe, obwohl Donna Tartt ihn gute zwanzig Jahre nach ihrem Erstling geschrieben hat.Was stört mich? Zum einen gönnt sich das Buch durchaus die eine oder andere Länge - besonders augenfällig bei der detaillierten Beschreibung des Besuchs in Connecticut bei Bunnys Eltern und der ganzen Beerdigung - das bringt den Plot nicht voran, es zeigt uns nichts von den Hauptfiguren, sondern dient nur zum Spott über die neurotische und oberflächliche High Snobiety. Ich vermisse auch die Glaubwürdigkeit: Ein Haufen reicher, bequemer, verwöhnter Oberschichtsprösslinge, die auf ein elitäres, aber bedeutungsloses Provinzcollege gehen (okay, vielleicht hat es rein akademisch nicht für Harvard oder Yale gereicht) und dort - nicht BWL, nicht Jura, nicht Literatur oder Kunstgeschichte, sondern ausgerechnet - Altgriechisch belegen? Anspruchsvoll und mühsam, brotlos und obendrein herzlich wenig prestigeträchtig und partytauglich. Dann diese Griechischklasse von Professor Julian Morrow, der nur eine handverlesene Schar von Studenten zulässt und verlangt, dass man ausschließlich bei ihm studiert und alle anderen Fächer abwählt. Das wirkt arg aus dem Baukasten eines urschlechten Horrorfilms geklaubt, um nur ja ein hermetisches Setting zu erzeugen. Schließlich die Rolle des Icherzählers am Geschehen: Die Clique will die ekstatische Erfahrung eines wahrhaft dionysischen Rausches erfahren, der Icherzähler wird nicht eingeweiht, angeblich, weil man ihn nicht gut genug kennt, aber dennoch lädt man ihm zum Wochenende aufs Land dazu, wo im Geheimen der Rest der Gruppe das Bacchanal anstrebt (und dabei den Farmer tötet). Ich weiß nicht, ich weiß nicht ...Nein, das holpert für mich hinten und vorne, und die papierenen Charaktere machen es nicht besser. Keiner aus der Gruppe, auch der Icherzähler nicht, erwacht in meiner Vorstellung so richtig zum Leben und lässt mich mitfiebern, sie bleiben konstruierte, in aller verqueren Schrägheit doch stereotype, leblose Gestalten. Einzig interessant ist der erpresserische Schmarotzer Bunny, - dessen nonchalante Art, die schuldgeplagten Kommilitonen auszupressen, hat individuelle Klasse und Reiz. Vor allem die Szene, wo er den Icherzähler auf einer Party mit inquisitorischem Verhör bloßstellen und der Lüge überführen will, ist wirklich stark und intensiv getroffen. Da würde auch Frau Highsmith applaudieren. Leider stirbt Bunny schon vor der Hälfte und lässt uns mit dem Rest der Pappkameraden einigermaßen ratlos zurück.