Manchmal beginnt das Verschwinden nicht im Spiegel, sondern in den Blicken der anderen. Tilda Finch muss erleben, wie zuerst ihr kleiner Finger und anschließend weitere Teile ihres Körpers unsichtbar werden. Diese ungewöhnliche Idee hat mich sofort gepackt, denn hinter ihr steckt eine erschreckend vertraute Wahrheit.
Tildas Unsichtbarkeit steht sinnbildlich dafür, wie Frauen mit zunehmendem Alter übersehen werden. Jane Tara erzählt davon emotional, warmherzig und mit einem feinen Humor, der selbst schweren Momenten etwas Leichtigkeit schenkt. Besonders berührt haben mich Tildas Beziehungen zu ihren Töchtern und Freundinnen. Zwischen ihnen entstehen Nähe, Reibung und jene ehrliche Verbundenheit, die einen Menschen auffangen kann, wenn er sich selbst aus den Augen verloren hat.
Nicht jede Wendung hat mich gleichermaßen überzeugt. Manche Abschnitte ziehen sich etwas und die Botschaft wird gelegentlich deutlicher ausgesprochen, als es nötig gewesen wäre. Auch die romantische Ebene hätte für mich weniger Raum gebraucht.
Trotzdem ist Tildas Weg zurück zu sich selbst wunderschön. Ihre Entwicklung zeigt, dass Sichtbarkeit nicht nur davon abhängt, ob andere hinschauen. Entscheidend ist auch, ob wir uns selbst noch wahrnehmen, ernst nehmen und liebevoll begegnen. Ein kluger, bewegender Roman, der mich mit einem warmen Gefühl und vielen Gedanken zurückgelassen hat.