Ein emotionaler, schonungsloser Roman über die vergessenen Frauen Vietnams ¿ packend, tragisch und manchmal bewusst überdramatisch.
Kristin Hannah hat mit Die Frauen jenseits des Flusses einen jener Romane geschrieben, die ihre Leser mit chirurgischer Präzision dort treffen, wo Literatur besonders wirksam wird: im Spannungsfeld zwischen historischem Gedächtnis und persönlicher Verwundung. Dass Hannah ein Talent für emotional aufgeladene Stoffe besitzt, ist bekannt. Neu ist hier jedoch der Fokus. Statt sich erneut im längst überliterarisierten Zweiten Weltkrieg einzurichten, richtet sie den Blick auf jene Frauen, die im Vietnamkrieg dienten und anschließend aus dem kollektiven Gedächtnis radiert wurden. Allein dieser Perspektivwechsel verleiht dem Roman eine Dringlichkeit, die weit über das übliche historische Unterhaltungskino hinausreicht.Frances McGrath beginnt ihre Reise als Tochter eines patriotischen amerikanischen Bilderbuchhaushalts, geschniegelt von Idealen, geschniegelt auch von der Erwartung, hübsch zu lächeln, den richtigen Mann zu heiraten und ansonsten möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Der Vietnamkrieg zertrümmert diese Kulisse schneller, als Frankie begreift, worauf sie sich eingelassen hat. Hannah schildert die Lazarette, die Hitze, den metallischen Geruch von Blut und verbrannter Haut mit einer Wucht, die bisweilen beinahe dokumentarisch wirkt. Das ist kein dekorativer Historienroman, der Krieg als exotische Kulisse missbraucht. Hier wird amputiert, geschrien, gestorben. Man spürt förmlich die Erschöpfung jener Menschen, die versuchen, Körper zusammenzuhalten, während ringsum jede politische und moralische Ordnung kollabiert.Besonders stark ist der Roman dort, wo er die Rückkehr nach Amerika beschreibt. Der eigentliche Skandal dieses Buches liegt nämlich nicht im Krieg selbst, sondern in der gesellschaftlichen Verdrängung danach. Männer kehrten als traumatisierte Veteranen zurück. Frauen kehrten zurück und mussten sich anhören, sie seien nie dort gewesen. Hannah macht aus dieser historischen Absurdität den emotionalen Kern ihres Romans. Frankie wird nicht nur vom Krieg beschädigt, sondern auch von einer Heimat, die keinerlei Sprache für ihre Erfahrung besitzt. Gerade darin liegt die nachhaltigste Qualität des Buches: Es erzählt PTSD nicht als abstraktes Diagnoseetikett, sondern als soziale Isolation, als Entfremdung vom eigenen Leben, als permanente Unsichtbarkeit.Und doch ist Hannah nicht frei von ihren bekannten Schwächen. Sie liebt die große emotionale Geste manchmal etwas zu sehr. Das Drama wird hier nicht selten mit der Schaufel nachgelegt. Kaum verheilt eine Wunde, öffnet sich bereits die nächste. Manche Wendungen wirken kalkuliert tränenheischend, einige romantische Verwicklungen besitzen ungefähr die Subtilität einer Krankenhausserie aus den Achtzigern. Gerade die Liebesgeschichten geraten oft erstaunlich kitschig und stehen seltsam quer zur sonstigen Härte des Romans. Manchmal scheint Hannah ihrem Stoff nicht ganz zu vertrauen und polstert deshalb jede emotionale Erschütterung zusätzlich mit Sentimentalität aus. Das ist schade, weil die historischen Aspekte stark genug wären, um ganz ohne melodramatische Verstärker auszukommen.Dennoch wäre es kleinlich, diesen Roman auf seine dramaturgischen Übertreibungen zu reduzieren. Hannah versteht etwas Entscheidendes über populäre Literatur: Sie weiß, wie man Geschichte emotional erfahrbar macht, ohne dabei in trockene Pädagogik abzugleiten. Ihre Figuren mögen gelegentlich wie Träger maximaler Gefühle konstruiert wirken, aber sie bleiben lebendig genug, um einen nicht loszulassen. Vor allem die Freundschaften unter den Krankenschwestern besitzen jene glaubwürdige Wärme, die den Roman immer wieder rettet, wenn er Gefahr läuft, in sentimentales Fahrwasser abzudriften.Am Ende bleibt ein Buch, das weniger durch literarische Feinmechanik überzeugt als durch seine moralische Wucht. Die Frauen jenseits des Flusses ist kein makelloser Roman. Er ist zu laut, zu emotional, zu verliebt in seine Tragödien. Aber vielleicht braucht genau dieses verdrängte Kapitel amerikanischer Geschichte ein Buch, das nicht flüstert, sondern insistiert. Hannah gibt den Frauen von Vietnam keine nüchterne Fußnote der Historie. Sie gibt ihnen ein Denkmal aus Schmerz, Wut und Überlebenswillen. Und das hinterlässt Wirkung.