Probleme und Konflikte der heutigen Zeit, an der Person einer Ethik-Professorin einleuchtend dargestellt - viele Fragen aufwerfend
Ruth Lember, Ethik-Professorin, 55 Jahre, lebt mit ihrem Ehemann Ben, einem Architekten, in einem wohlhabenden Berliner Stadtteil. Der Autor arbeitet die Fakten über ihre Lebensumstände und ihre Einstellung geschickt in die ersten Seiten ein. Die als linksliberal geltende, aber parteilose Ruth wurde für den Ethik-Rat vorgeschlagen und ihr Ehemann hofft auf einen Architekturpreis. Tochter Jenny aus Bens erster Ehe ist schon aus dem Haus; die Corona-Epidemie ist gerade abgeebbt, aber der Ukraine-Krieg hat schon begonnen.Man kann sagen, die Lebensumstände der beiden sind bestens; doch dann bricht das Unheil über Ruth herein und verändert ihr Leben innerhalb einer Woche radikal. Beim Joggen wird sie von einem nicht angeleinten Hund in die Wade gebissen - Einbruch der Anarchie in ihr Leben? - und erst ihr Ehemann überredet sie, einen Arzt aufzusuchen. Bei aller Fürsorge hat Ruth den Eindruck, dass es zwischen ihnen eine schleichende Veränderung gibt. Einem Gespräch weicht Ben aber aus.Und dann holt Ruth nach über 30 Jahren die Vergangenheit ein, denn einst war sie an Protesten gegen die Atomkraft beteiligt und es gibt kompromittierende Unterlagen, die ihr ein einstiger Geliebter und Mitstreiter, Stav, aushändigt. Ruth steht nun vor der Entscheidung, was sie damit tun soll - vielleicht sogar dazu stehen? Sie erzählt es Ben und Jenny und durch Leichtsinigkeit gelangen Fotos ins Netz, die einen Medienskandal auslösen und Ruths berufliche Ambitionen zerstören. Zu allem Überfluss stellt sich heraus, dass ihr Ehemann sie tatsächlich mit einer jüngeren Kollegin betrügt und massiv belogen hat. Ihr Leben liegt in Trümmern; vom hohen Sockel ist sie ins Bodenlose abgestürzt. Das Buch endet wie es begonnen hat: mit einem Hund, diesmal einem friedlichen, der sich Ruth vertrauensvoll nähert, was sicher symbolisch gemeint ist und einer Interpretation bedarf.Was vordergründig wie ein Eheroman klingt, ist eher eine mit ethischen und moralischen Fragen gespickte, zum Nachdenken und Diskutieren anregende Geschichte, die wichtige Themen unserer Zeit anreißt. Man könnte einwenden, es seien zu viele. Andererseits ist unsere Welt mit ihren Problemen wirklich so komplex.Es geht um Tierethik, was auch in einer Vorlesung thematisiert wird, aber vor allem um die Frage, wie weit das Recht auf zivilen Ungehorsam geht. Ist Sabotage kein Angriff, sondern die Verteidigung des elementaren Rechts auf körperliche Unversehrtheit? (HC 155). Gegen eine tolerierende Haltung steht die Warnung davor, 'in einem hehren Anliegen eine Generallizenz zum Begehen von Straftaten zu sehen'. (HC 225). Hier wird die Anti-Atom-Bewegung der 80er den heutigen Aktionen von Klimaschützern gegenübergestellt.Weitere Stichworte sind eine nötige Bildungswende und das Problem des übermäßigen Konsums nicht nachhaltiger Produkte. Dem entgegen steht das Berliner Bildungsbürgertum, das sich inzwischen in seiner Komfortzone eingerichtet hat und mit 'grünen' Produkten das Gewissen beruhigt. Das wird von Stav scharf kritisiert, der den herrschenden Wohlstand auf allzu billige Energie zurückführt, die die ökologischen und sozialen Folgen nicht berücksichtigt. Für ihn ist Ruth eine Vertreterin, die sich mit 'dem System' arrangiert hat und es stillschweigend billigt. Ist sie eine, die noch heute für Fehler aus der Vergangenheit moralisch zu verurteilen wäre?FazitEs gäbe noch viel anzumerken, über symbolische Bedeutungen (Hund, Wetter) oder weitere interessante angerissene Fragen, aber das würde hier zu weit führen. Es ist ein Buch, das vordergründig einfach zu lesen ist, vielleicht an einigen Stellen sogar ein wenig langweilig. Hat man es zugeklappt, wirkt es noch lange nach. Es ist eines, das man mindestens noch einmal lesen müsste und das sich hervorragend zur Diskussion eignen würde.