Unterhaltsamer Coming-of-Age-Roman in einer strukturschwachen Gegend (Yorkshire, Nordengland) Ende der Siebziger.
"Ich bin mir sicher, es sind sehr nette und anständige Leute", hatte Tante Jean über Shazias (pakistanische) Familie gesagt, "aber ich hoffe, dass sie unter ihresgleichen bleiben.""Gepflegter" Alltagsrassismus, wie dieser, Radikalisierung von jungen Neo-Nazis, Misogynie in der Mittelschicht, Coming-of-Age, Bigotterie in der Kirche sind die Themen - um nur einige Beispiele zu nennen -, die in Jennie Godfreys Jugendbuch mit dem Titel "Unser Buch der seltsamen Dinge" zu finden sind. Marketingtechnisch wird die Story clever beworben, schließlich ist die Geschichte eingebettet in die Rahmenhandlung des Yorkshire-Killers. Einem Serienmörder, den es Ende Siebziger tatsächlich gegeben hat und dessen Opfer namentlich am Ende des Buches aufgelistet sind. Dennoch drehen sich die Geschehnisse nur hintergründig um die Jagd nach dem Täter. Somit darf man nicht den Fehler begehen, dieses Buch dem Krimi-Genre zuzuordnen. Zwar würde ich nicht so weit gehen, es als Mogelpackung anzusehen, da es mit dem Titel und dem Klappentext suggeriert, hier handele es sich eben um eine Mörderjagd oder zumindest um ein Mystery-Plot. Aber irreführend und verlockend ist es dadurch allemal.Die eigentliche Heldin ist die elfjährige Miv, die im Laufe der Geschichte älter wird. Sie stammt aus unterprivilegierten, bescheidenen Verhältnissen, wird täglich mit der traumatisierten und verstummten Mutter konfrontiert und muss sich gedanklich nun mit dem drohenden Ortswechsel, raus aus ihrem geliebten Yorkshire, quälen. Keine einfache Situation für Miv. Ihre Hoffnung ist, mit der Entlarvung des umtriebigen Yorkshire-Killers den Umzug abwenden zu können. Zusammen mit ihrer Freundin Sharon sowie mit dem freundschaftlich verbundenen Pakistani Ishtiaq begibt sie sich auf Spurensuche. Und das ist bereits alles, was die Rahmenhandlung hergibt. Die eigentliche Stärke des Romans liegt klar in den vielen, kleinen Alltagsgeschichten, die zunächst losgelöst daherkommen, sich aber bis zum großen Finale miteinander verknüpfen. Und diese Geschichten beinhalten genau diese schwergewichtigen Themen, die ich eingangs aufgeführt habe. Ob prügelnde Ehemänner, Ausländerhass oder Schulprobleme - Miv durchlebt ihre anfängliche Teenagerzeit in einem Strudel aus Gewalt, Hetze und Ablehnung, aber auch Kompromissen, Liebe und Zusammenhalt. Diese Episoden sorgen für eine angenehmes Erzähltempo und eine eigene Spannung. Der Nervenkitzel bezüglich des Serienmörders verliert sich jedoch auf den ersten Seiten. Zu dilettantisch gehen die beiden Mädchen auf der Suche nach dem Ripper vor, was einerseits aufgrund ihres Alters erwartbar ist, aber auch keinen Schub durch äußere Umstände erfährt - nicht einmal durch den berühmten Kommissar Zufall. Über das ganze Buch hinweg verfolgen sie jede und jeden, der merkwürdig aussieht oder sich unfreundlich verhält. Das entpuppt sich bald als eine gewisse Lächerlichkeit. Mit Raffinesse darf nicht gerechnet werden, daher ja auch meine obige Warnung für Krimi-Liebhaber.Stilistisch überzeugte mich der Roman durch seine sympathischen Protagonisten und schlüssigen Szenen. Etwas genervt hat mich die zu dick aufgetragene, naiv-kindliche Erzählweise durch Mivs Blickwinkel. Ständig erröten die Menschen bei kleinsten Äußerungen oder es wird pausenlos gekichert. Diese Wiederholungen ermüden beim Lesen und wirken rasch einfältig. Dabei ist Miv durchaus zu tiefen und philosophischen Gedanken fähig. Es ist das Handwerkliche der Autorin Godfrey (die manchmal, wenn auch selten dürftige Figurenzeichnung), was mich gelegentliche störte. Außerdem fällt auf, dass weitere Perspektivwechsel eingestreut werden, um dem Fortschritt der Story eine Wendung zu geben. Das ist ein bewährtes Mittel, jedoch wirkten die Personen, die man als Leser kurzzeitig begleiten darf, zufällig ausgewählt und nicht immer passend. Manchem Charakter wird nur einmal in dem Buch diese Ehre zuteil. Das betrachte ich eher als Schwäche bei der Plotentwicklung, statt als gelungenen Kniff der Autorin. Gelungen sind wiederum die Cliffhanger und liebevollen Einschübe zu Yorkshire, die sehr gut recherchiert wurden.Im Ergebnis ist es ein unterhaltsamer Roman, der etwas von seinem Potenzial verschenkt, dessen Lektüre sich aber dennoch lohnt. Man darf nur eben keinen Krimi erwarten. Fans von Coming-of-Age-Romanen kann ich "Unser Buch der seltsamen Dinge" wärmstens ans Herz legen. Diese werden nicht enttäuscht. Alles Weitere - das Eintreten von Mivs Befürchtungen und vor allem das Ende in Sachen Yorkshire-Ripper - wird nicht verraten. Nur so viel: immerhin bleiben keine losen Enden. Etwas, was ich ebenfalls gut finde.