Intensives Erlebnis mit kleinen Längen
Extrem ungewöhnliche Handlung mit leichtem Schauerroman-Touch. Mord aus der Sicht der Täter wie Dostojewskis ¿Schuld und Sühne'.Es gibt einige starke Hauptfiguren: Henry, Julian, vielleicht noch Bunny - in sich stimmige Persönlichkeiten, mit deutlichen Eigenarten, Gewohnheiten, Sprachstilen.Es gibt aber auch schwache Hauptfiguren: die Zwillinge Charles und Camilla, Francis und Richard - sie haben keine starken Charaktere, keine deutlichen Eigenschaften, nichts Besonderes. Sie sind einfach nur da und trinken viel.Starke Momente:Richard fühlt sich angezogen von der verschworenen Gemeinschaft der Griechisch-Klasse, auf der Suche nach Anschluss an der neuen Uni.Er merkt, dass die Clique ihm etwas verheimlicht - Neugier, Rätsel Die Trostlosigkeit einer amerikanischen Uni in den langen SemesterferienAnfänger bei der Mordplanung - meinen sie es wirklich ernst?Die Suche der Polizei und der Medien nach dem verschwundenen Bunny, wobei die 4 Täter die unwissenden, trauernden Freunde spielen müssen, um sich nicht zu verraten.Die falschen Fährten, die Fantasie der Gesellschaft, die ihre Lieblingsthemen in das Verbrechen hineininterpretiert (Drogen, Araber)Die Beerdigung von Bunny, der die Täter als Gäste seiner Eltern beiwohnen. Mir blieb unklar: warum studieren sie Altgriechisch - ohne Aussicht auf irgendeine Berufstätigkeit? Wie kann es sein, dass der einzige Dozent eines Studienfachs nur eine Klasse hat - (dann könnte man das Studienfach ja nur alle drei oder vier Jahre studieren)? Warum und wie bringen sie den Farmer um? Warum diskutieren sie keine Alternativen, um Bunny zum Schweigen zu bringen? Warum haben sie keine Gewissensbisse? Woher kommt am Anfang ihr Interesse an Drogen- und Orgienexperimenten? Warum bringt sich Henry um?Handlungsaufbau: der erste Teil des Romans wird durch die Vorgeschichte, Durchführung und Vertuschung der Morde zusammengehalten. Im zweiten Teil bricht die Clique durch interne Streitigkeiten (Eifersucht) auseinander. Es gibt aber keine Kausalität zwischen dem ersten und dem zweiten Teil der Geschichte. Das Eifersuchtsdrama hätte es auch ohne Mord gegeben. Es sind eigentlich zwei Geschichten.Erzähltechnik: mehrmals erwähnt der Ich-Erzähler Richard, dass er die Geschichte viele Jahre später aus der Erinnerung aufschreibt. Das erlaubt ihm auch Vorblenden (z. B. erfährt man vom Tod Bunnys lange vorher.) Dann wiederum ist man dicht bei den Figuren in einzelnen, sehr detailliert und stimmungsvoll erzählten Begebenheiten, wie man sie in distanzierten Rückblicken nicht erzählen würde.Der Ich-Erzähler ist eine Randfigur der Clique. Die anderen verschweigen ihm zunächst vieles und erscheinen ihm und dem Leser rätselhaft. Das erzeugt eine gewisse Spannung. Diese Rätsel werden dann auf einen Schlag gelöst, indem einer aus der Clique in einem endlosen Monolog alles aufklärt. Diese endlosen Monologe gibt es öfters und sind praktisch Geschichten in der Geschichte. Ich vermute, die Autorin musste diese Erzähltechnik wählen, weil sie die Geschichte durchgängig aus der Perspektive von Richard, dem Außenseiter, erzählen lässt. Alles was ohne ihn passiert, muss ihm also erzählt werden. Dieses Erzählen aus zweiter Hand ist aber weniger intensiv als das unmittelbare Erleben.Der Ich-Erzähler erzählt manchmal sehr detailliert und stimmungsvoll, mit vielen Gedanken und Gefühlen - man versteht gut, was er tut. Manchmal gibt es aber auch lange Passagen nur auf der Handlungsebene, ohne Gedanken, Ziele und Gefühle, wobei es unklar bleibt, warum er das tut, was er tut.Viele Beschreibungen, Handlungen, Dialoge sind für meinen Geschmack zu lang, zu ausführlich, ich brauche nicht von jeder Zigarette, von jedem Glas Whiskey, von jeder Rückfrage ("Wirklich?") erfahren. Die Langatmigkeit machte mich ungeduldig.Manchmal gibt es lange detaillierte Passagen, bei denen ich mich gefragt habe: warum wird mir das überhaupt erzählt, wo ist der Bezug zur bisherigen Geschichte? Ich dachte dann beim Lesen: gut, das wird vielleicht später klar. Wurde es aber nicht.Ich hatte manchmal Schwierigkeiten, meine Lesemotivation aufrechtzuerhalten: die Figuren - Mörder ohne starke Gefühlsregungen, ohne Gewissensbisse - waren mir nicht sehr sympathisch. Ich fürchtete, dass noch mehr hässliche Szenen mit Blut, Krankheit, Alkoholexzessen, Streit oder Leichen auf mich zukommen, den Figuren war alles zuzutrauen. Allerdings herrschte aus demselben Grund auch immer eine gewisse Spannung - wie gesagt, den Figuren war alles zuzutrauen.Es herrschte auf jeden Fall immer eine beklemmende Grundstimmung. Man lernt die Figuren auf den 600 Seiten so gut kennen, leidet so lange mit ihnen mit, dass sich am Schluss zwar ein leichter Trennungsschmerz einstellt - aber auch Erleichterung.