Ich bin ein riesiger Fan komplexer, aus verschiedenen Perspektiven heraus erzählter Familiengeschichten. Und weil Judith Hoersch die vielen Fäden der Handlung meisterinnenhaft ineinanderwebt, hat mich die Lektüre auch wie erwartet sehr begeistert.
Zu Beginn braucht es definitiv ein paar Kapitel, um die vielen Figuren und Zeitstränge zu sortieren. Die Wechsel zwischen den Erzählerinnen sind recht rasant, werfen uns mitten in die Handlung hinein. Ich war aber auf jeden Fall schnell genug drin, um der Geschichte voller Spannung zu folgen.
Hoersch hat es geschafft, die Spannung hochzuhalten, obwohl für mich im ersten Drittel schon recht klar war, wo die Fäden zusammenlaufen. Doch es gab schlicht so viele Details, die es aufzulösen galt, dass ich der Handlung ohne Pause folgen wollte. Erleichtert wird das durch einen tollen Schreibstil, der von klaren Worten sowie einer guten emotionalen Nähe zu den Figuren geprägt ist und um wohldosiert eingesetzte Bildsprache ergänzt wird.
Die vier Frauen sind greifbar und von glaubwürdiger Vielschichtigkeit geprägt. Sie alle teilen eine gewisse Rebellion und die Suche nach dem, was sie eigentlich selbst wollen vom Leben. Die Autorin verhandelt wenig überraschend auch generationsübergreifende Weitergabe und begleitet ihre Figuren, indem sie diese freundlich an die Hand nimmt. Ihre Zärtlichkeit und das Verständnis für die vier Frauen spricht sehr deutlich aus diesem Text.
Ja, manche Elemente der Handlung sind konstruiert und halten einem Realitätscheck eher nicht stand. Doch trotzdem fand ich all das völlig passend geschrieben und habe mich gern in diese Geschichte fallen lassen, deren Form von Happy End mir sonst im Literatur-Bereich nicht so oft begegnet. Es ist kein Buch, dass das Leben mit all seinen auszuhaltenden Ambivalenzen darstellt und uns am Ende mit widersprüchlichen Gefühlen zurücklässt. Stattdessen gleicht es einem Puzzle, dessen Teile sich zum Schluss fast alle perfekt aneinanderfügen.
Manche Nebenfiguren waren mir zu eindimensional böse gezeichnet, das lese ich immer nicht so gerne, und am Ende ging die Auflösung etwas sehr leicht vonstatten. Aber ich sehe auch, dass das Buch sonst noch einmal deutlich mehr Seiten umfassen würde, was eine möglichst zusammenhängende Lektüre weiter erschwert hätte. Diese finde ich aber sehr wichtig, um keins der vielen Details im Handlungsverlauf zu verpassen.
Ich hatte eine ganz tolle, unterhaltsame und auch emotionale Zeit mit diesem Roman. Er hat mich gefesselt und sprachlich in sich aufgenommen, sodass ich ihn auf jeden Fall weiterempfehlen möchte - wenn ihr kein Problem habt mit ein paar unrealistisch perfekten Stellen. Für mich war es eine tolle Abwechslung zu sonst eher schwerer Literatur.