Im englischen Küstenort Rye scheint der Winter einfach nicht enden zu wollen. Alles wirkt grau, nieselig und still und genauso fühlt sich auch Flora Brimble. Als sie sich an ihrem 13. Geburtstag eine besondere Tinte kauft, wird eine Reihe seltsamer Geschehnisse in Gang gesetzt. Flora macht sich auf die Suche nach der geheimnisvollen Maikönigin, die den Frühling zurückbringen soll. Auf ihrem Weg begegnet sie unter anderem einem eigenwilligen Kobold und einem sprechenden Eichhörnchen. Schnell merkt man, dass dieses Abenteuer komplizierter ist, als Flora sich das in ihren selbst erfundenen Geschichten je ausgedacht hätte.
Beim Lesen hat mich überrascht, dass dieses Buch deutlich ungewöhnlicher ist, als Cover und Klappentext vermuten lassen. Wer hier ein klassisches Fantasyabenteuer erwartet, bei dem eine Heldin eine Reihe von Herausforderungen meistert, wird wohl verwundert sein. Die Geschichte bewegt sich oft zwischen Realität, Fantasie und Intertextualität. Manchmal fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre man ins Kaninchenloch gefallen.
Die Sprache passt aber gut zu dieser Stimmung. Marcus Raffel schreibt bildreich und teilweise sehr poetisch. Manche Szenen lesen sich wie kleine Märchen, andere eher wie nachdenkliche Gedanken. Gleichzeitig sorgt Floras Reisegesellschaft immer wieder für humorvolle Momente. Das sprechende Eichhörnchen und der schrullige Kobold sollten vermutlich verhindern, dass die Handlung zu schwer wird. Allerdings gelingt das nur in sehr flüchtigen Momenten.
Man merkt einfach, dass dieses Buch mehr will als nur ein Abenteuer erzählen. Vieles dreht sich um Floras Gedanken, ihre Ängste und ihre Fantasie, ein großer Part ist aber auch ihrer erfundenen Heldin Harriet zugedacht. Immer wieder verschwimmen dabei die Grenzen zwischen dem, was wirklich passiert, und dem, was vielleicht nur aus einer Geschichte stammt, die Flora sich selbst erzählt.
Genau hier liegt für mich auch der Punkt, an dem das Buch ein bisschen herausfordernd wird. Offiziell richtet es sich an Kinder ab zehn Jahren. Beim Lesen hatte ich allerdings öfter das Gefühl, dass manche Ebenen der Geschichte für jüngere Leser:innen schwer zu greifen sein könnten. Die Handlung springt gelegentlich zwischen verschiedenen Wirklichkeitsebenen hin und her und nicht alles wird sofort erklärt. Für erwachsene Fantasyfans wohl eine Freude haben. Kinder, die einfach ein geradliniges Abenteuer erwarten, könnten sich zwischendurch fragen, was hier eigentlich gerade passiert.
Wunderbar gelungen ist dagegen die Gestaltung des Buches. Die Illustrationen von Maximilian Meinzold umrahmen die märchenhafte Atmosphäre ganz herrlich, und der Farbschnitt macht das Buch optisch zu einem Hingucker im Regal.
Flora Brimble und der verlorene Frühling ist für mich kein typisches Kinder-Fantasybuch. Es ist eher eine geheimnisvolle Geschichte über Fantasie, Hoffnung und darüber, wie mächtig Geschichten sein können. Wer poetische Fantasy mag und sich gern auf eine etwas ungewöhnlich erzählte Welt einlässt, kann hier eine spannende Entdeckung machen auch wenn sie vielleicht anders ausfällt, als man zunächst erwartet.