Wir alle sind Bedeutungsgeber, wir alle bauen an unserer persönlichen Welt, an unserem persönlichen Weltbild ...
Und konstruieren uns insofern unsere je eigene Welt. Doch sobald Gott als Bedeutungsgeber oder Lückenfüller eine Rolle einzunehmen vermag, dann ist es aus mit einer selbstbestimmten Lebensweise bzw. eigenständigen Interpretation von zufälligen Ereignissen. Wenn es dann doch gelingt sich davon zu lösen, obwohl das Elternhaus, das soziale Gefüge ein solches Lösen mehr als erschweren, dann kann Freiheit gelebt werden - auch wenn das Erfahrene zeitlebens im Hintergrund köchelt.Derartige Erfahrungen und sich daraus ergebenden Beziehungsmustern nachzugehen, das war und ist Aufgabe großartiger Literatur. Exemplarisch kann in diesem Zusammenhang das Buch von Sylvia Plath "Die Glasglocke" genannt werden. Elizabeth Strout, die Autorin dieses Buches, kann hier (obwohl Pulitzerpreisträgerin und von der Süddeutschen Zeitung hochgejubelt) kaum mithalten. Ihre Geschichten mäandrieren lose verknüpft durch das Leben von Familien, ihren Sorgen und Ängsten, ihren Möglichkeiten und der immer im Hintergrund lauernden Angst, trotz aller Bemühungen erneut zurückgewiesen zu werden.Doch das geschieht nicht mit der Empathie, die für ein Mitfühlen, zumindest ein Mitgehen notwendig wären. Stattdessen Sätze, die vom Leser einiges abverlangen (vor allen Dingen: Großzügigkeit) und oft nur dazustehen scheinen, damit überhaupt etwas dasteht, die Geschichte irgendwie weitergehen kann. So jedenfalls das immer wieder aufkommende Gefühl: "Sie schickte ein rasches Lächeln in Dotties Richtung, und bei dem Ausdruck, der dabei über ihr Gesicht glitt, war es Dottie für einen kurzen Moment, als huschte ein kleiner Fisch durch ihren Magen, ein Gefühl, das sie als ein Symptom von, doch, von Mitleid erkannte, obwohl Mitleid eine zwiespältige Sache war und Dottie selbst sich höchst ungern von anderen bemitleiden ließ, wie das in der Vergangenheit natürlich zwangsläufig geschehen war." Wer solche Sätze liebt, ist hier richtig. Auch wenn, zugegebenermaßen, auch einige Perlen im Text geborgen werden können: "Richtiges Zuhören ist alles andere als passiv. Richtiges Zuhören ist Arbeit [...]."Es sind Familiengeschichten die - vereinfachend - zwischen Armut (= Stillstand) und Aus- oder Aufbruch (= Entwicklung) changieren und sich mit ein wenig guten Willen auch zu einer stimmigen Geschichte zusammenfügen.