Ruth Olshan reist mit den Urnen ihrer Mutter und Großmutter in deren ursprüngliche Heimat in Litauen. Auf dieser langen Autofahrt begegnet sie sich selbst und erinnert sich an die Geschichten ihrer Ahninnen.
Ruth ist in Moskau geboren, als Tochter einer konvertierten Jüdin. Ihre Mutter war Sängerin und in der Sowjetunion als "Garbo des Ostens" berühmt. Doch die Familie fühlte sich beengt in der kommunistischen Union und dem jüdischen Vater gelang es, eine Ausreisegenehmigung für Israel zu bekommen.
In dem heißen Land schaffte es die kleine Familie nicht, heimisch zu werden und als der Jom-Kippur-Krieg ausbrach traten sie eine weitere Reise an. Berlin soll ihr verheißungsvolles Ziel sein. Die vierjährige Ruth lebt sich relativ rasch ein, lernt schon im Kindergarten deutsch, findet Freundinnen und erfreut sich am Sport.
Vida, ihre Mutter möchte es auch hier als Sängerin schaffen, doch der Weg ist nicht leicht. Es fällt ihr schwer, die neue Sprache zu erlernen und sie leidet an der Trennung von ihren Wurzeln. Litauen ist jetzt zwar nicht mehr so weit weg, doch der eiserne Vorhang trennt die Familie. Bis zum Fall der Mauer muss Ruth einiges erleiden mit ihren Eltern, die es nicht schaffen in Deutschland Wurzeln zu schlagen.
Die Familie ist heimatlos, haltlos und immer auf der Suche.
Stilistisch ist das Buch leider etwas sperrig. Die Autorin springt in den Zeiten und es dauert ein bisschen, bis man sich in ihrer Lebensgeschichte zurechtfindet. Wir lesen die Erinnerungen, wie sie ihr auf der Reise in den Sinn kommen und vieles wirkt etwas nachbearbeitet. Wahrscheinlich ist das normal. Man macht sich schlauer in den Memoiren, weil man in der Retrospektive ja auch schlauer ist.
Dennoch konnte mich diese Lebensgeschichte berühren. Sie ist zwar nicht besonders emotional erzählt, aber sie zeigt auf, wie schwierig es ist, in der Fremde Fuss zu fassen und wie viel wir unseren zugezogenen Mitmenschen eigentlich abverlangen. Es ist beeindruckend, wie Ruth ihren Weg gefunden hat in der Wirren der Fremde ohne Eltern, die sie an die Hand nehmen konnten. Und ich finde es auch mutig, sich so preiszugeben.
Immergrün ist ein Buch, dass man sich ein Stück weit erarbeiten muss, es schmeichelt den Leser*innen nicht. Doch man kann sich einiges daraus mitnehmen.