3,5 Sterne
Dieses Buch klang für mich sehr interessant: Eine ukrainisch-litauische Frau, die zwei Urnen von Deutschland nach Litauen bringen möchte, um sie dort in das Familiengrab beizusetzen. In den Urnen befinden sich die Asche ihrer Mutter und Großmutter, beide am selben Tag gestorben, aber mit Jahren Abstand dazwischen. Eine Fahrt in die Heimat, die Erinnerungen aufleben lässt - von der Mutter, dem Vater, der Familie - das Aufwachsen in der Sowjetunion, das Emigrieren nach Israel, welches anders war als vorgestellt, um dann in das gelobte Land, Deutschland, zu fahren. Die fehlende Sprache, die nicht anerkannten Abschlüsse, die Verzweiflung, das Unglück, das sich aufs Familienleben ausweitet, die Tochter, die keine Struktur bekommt und viele Aufgaben der Eltern erledigen muss. Eltern, die nur noch schreiend miteinander kommunizieren, und Geld, das fehlt. Familienmitglieder, die vermisst werden, getrennt vom Eisernen Vorhang. Sehr persönliche und emotionale Themen, die sachlich beschrieben werden. Dieser nüchterne Schreibstil war für mich nachvollziehbar, da vieles in der Familie auch ungesagt geblieben ist, aber es hat bei mir dazu geführt, dass ich auf Distanz zum Text geblieben bin. Hier und da blitzen poetische Abschnitte durch, die mich tatsächlich auch sofort näher an die Geschichte gebracht haben, aber leider waren diese Abschnitte für mich zu selten. Ich konnte die Verzweiflung der Eltern nachempfinden: ein jüdischer Regisseur aus der Ukraine und eine litauische, jüdische Sängerin, die für sich und ihren Nachwuchs ein anderes Leben planen als das in der antisemitischen Sowjetunion. Die Realität, die einen auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Erst in Israel nicht das Leben führen zu können wie gedacht: zu wenig Geld, zu heiß und politisch unsicher. Dann in Deutschland angekommen, keine Möglichkeit, das gewünschte künstlerische Leben weiterzuführen. Die Abschlüsse, die nicht anerkannt werden, die Sprache, die noch nicht gesprochen wird, und das Geld, das immer noch zu wenig vorhanden ist. Eine Geschichte, die nicht nur in Deutschland auf der Suche nach Identität ist, sondern auch innerhalb der Familie. Ich habe durch diesen Roman Neues dazugelernt, wie vielfältig die Sowjetunion war und wie entmutigend und deprimierend der Neuanfang sein kann. Ich hätte es mir allerdings etwas intensiver gewünscht, aber vielleicht ist hier zu viel Biografisches enthalten, welches nur mit Abstand erzählt werden kann. S.30 ¿Als meine Eltern in den Westen emigrierten, hinterließ meine Mutter eine besorgte Familie. Wie würde sie im Kapitalismus, in diesem heißen Wüstenland überleben, zumal als Katholikin, die meine Mutter für meine Oma war. Die Trennung schien für immer, stand doch der unüberwindbare Eiserne Vorhang zwischen ihnen, so eisern war er, er bot nur wenige Möglichkeiten, sich zu verbinden.¿S.119 ¿Meine Eltern und ihre Freunde debattierten darüber, wie Deutschland von den Nazis, die immer noch und wieder in Gerichten und Behörden saßen, endgültig befreit werden und diese Verbrecher endlich zur Verantwortung gezogen werden konnten. Dabei blieb es. Mehr als hitzige Diskussionen zu Hause und in der Schule bekam ich nicht mit. Aber ich wollte mehr verstehen, mehr darüber wissen.¿S.135 ¿Ich musste wohl oder übel mit der wachsenden Unordnung um mich herum leben. Dabei hatte ich ein großes Bedürfnis nach Struktur, nach einer ordentlichen Wohnung und nach regelmäßigen Mahlzeiten.¿S.156 ¿Noch hatte sie ihre Arbeit bei der Künstleragentur, noch wollte sie darum kämpfen und ihre wenigen Konzerte für taube Ohren, blinde Augen der Herren und Damen in den Altersheimen genießen und mit Würde nachgehen. Ihre Persönlichkeit begann sich bereits zu verändern, aber die ersten deutlich erkennbaren Zeichen der Überforderung gab ihr Körper.¿