Eine besondere Coming-of-Age Geschichte - rund um das Aufwachsen mit einem drogensüchtigen Bruder. Eindringlich, intensiv, realistisch...
SCHATTENDASEIN...Emmy steht in einer der Kabinen der Mädchentoilette und weint. Sie weiß, dass ihr großer Bruder Joey viel mehr ist als das. Joey ist derjenige, der ihr das Fahrradfahren beigebracht hat, weil ihre Eltern ständig arbeiten mussten. Joey saß stundenlang mit ihr in der Bettlakenhöhle, und hörte ihr beim Vorlesen zu, selbst als er schon viel zu alt dafür war. Joe zeigte ihr, wie man Rührei macht und ließ sie zugucken, während er malte. Bis zu dem Tag, an dem Emmy an seine Zimmertür klopft und Joey mit kalter Stimme sagt: Geh weg. (Verlagsbeschreibung)Kathleen Glasgow präsentiert hier eine Familiengeschichte über Zusammenhalt, Sucht und die Suche nach der eigenen Identität - eine besondere Coming-of-Age Geschichte, erzählt aus der Perspektive von Emory, genannt Emmy.Der Roman beginnt mit einem schweren Unfall nach einer Party, bei dem ein Mädchen zu Tode kam und der Fahrer sowie Emmy schwer verletzt wurden. Emmys Bruder Joey blieb weitestgehend unverletzt, doch bei der Untersuchung im Krankenhaus stellte sich heraus, dass er komplett mit Drogen vollgepumpt war - und sein Geheimnis ist damit keines mehr. Joey kommt in eine Entzugsklinik und Emmy unterzieht sich einer intensiven Reha, damit ihr Knie wieder heilen kann. Doch ihren Platz im Tanzteam ist sie damit los.Das bei dem Unfall verstorbene Mädchen war an der High School sehr beliebt, und als Emory wieder zur Schule geht, schlägt ihr eine Welle des Hasses entgegen. Viele Mitschüler:innen machen sie und die anderen Überlebenden des Unfalls für den Tod des Mädchens verantwortlich, und Emmy steht plötzlich ganz alleine da. Doch auch in ihrer Familie ist sie die "Unsichtbare". Die Mutter Anwältin, der Vater Arzt, beide mit wenig Zeit für die Kinder. Dazu die schöne große Schwester, stark und selbstsicher, und der wilde Bruder Joey, das schwarze Schaf der Familie. Mit sechzehn Jahren ist Emmy die Jüngste der drei Geschwister, und sie versucht, alle Erwartungen zu erfüllen, den Eltern nicht auch noch Sorgen zu bereiten, und verleugnet sich dabei selbst.Als Joey nach der Entzugsklinik wieder nach Hause kommt, stellen die Eltern klare, harte Bedingungen, die er erfüllen muss, wenn er bei ihnen bleiben will. Joey willigt ein, will sein Bestes geben - und Emmy bekommt den Auftrag, ihn dabei nicht aus den Augen zu lassen. Sie liebt ihren Bruder, immer schon, aber nun lebt sie noch weniger ihr Leben als sonst schon und dazu noch in ständiger Sorge vor einem Rückfall Joeys. Obwohl sie noch so jung ist und als Tochter einer angesehenen Familie ein vermeintlich privilegiertes Leben führt, muss sie viel zu schnell erwachsen werden. Emorys einziger Lichtblick sind die wenigen heimlichen Stunden, in denen sie sich mit dem Nachbarsjungen trifft, einem angehenden Baseballstar - endlich wird sie von jemandem wirklich gesehen.Die Autorin verwebt hier wichtige Themen zu einem gelungenen Jugendbuch. Sie beleuchtet, was Gründe für eine Drogensucht sein können, aber eben auch, welche Auswirkungen diese Sucht auf das nahe Umfeld und die Familie haben kann. Mir hat gefallen, dass hier nicht die Perspektive des Drogensüchtigen gewählt wurde, sondern eben die der Schwester, die gefühlsmäßig nahe genug an Joey ist um zu erkennen, was mit ihm geschieht, aber eben auch aufzeigt, was das Ganze mit ihr selbst macht und wie die Familie daran zu zerbrechen droht. Und dabei fließen auch gesellschaftskritische Themen mit ein wie der sorgenlose Umgang mit rasch abhängig machenden Schmerzmitteln, die in den USA oft schon Kindern verabreicht werden, die zunehmende Obdachlosigkeit der unterprivilegierten Schichten oder auch die Doppelmoral bei der Bewertung von Geschlechtern.Im Vordergrund steht aber natürlich Emmy in ihrem Versuch, sich selbst zu finden - die Erkenntnis der Notwendigkeit, sich ihren Eltern gegenüber klar zu positionieren, die erste Liebe, Enttäuschungen, falsche Entscheidungen und die Konsequenzen daraus, Mobbing, Depression, wahre und falsche Freund:innen, den Mut fassen, über den eigenen Schatten zu springen, zu erkennen, wann Geheimnisse gut sind und wann nicht u.a.m. Emmy ist als Person sehr authentisch geschildert, und bei allen Problemen wird hier nicht überdramatisiert. Oftmals möchte man beim Lesen das Mädchen in den Arm nehmen oder es auffordern, klarer für sich einzustehen - und der überkritischen, strengen und fordernden Mutter Paroli zu bieten.Das Erzähltempo ist langsam, so dass die Charaktere intensiv beleuchtet werden und dadurch die Entwicklung der Personen glaubhaft wirkt. Die Probleme werden nicht weniger, nur der Umgang damit verändert sich allmählich. Ein eindringlicher, intensiver, realistischer Roman, in den lt. Nachwort auch eigene Erfahrungen der Autorin mit eingeflossen sind.Alles in allem ein lesenswerter Roman, der sicher viele Jugendliche anspricht, aber auch für Erwachsene lohnenswert ist, damit sie die Perspektive ihrer Kinder nicht aus den Augen verlieren...© Parden