
Besprechung vom 11.04.2026
Aufwachsen in Schmerz und Liebe
Marek Torcik erzählt in seinem faszinierenden Debütroman von einem homosexuellen Jungen, der sich nach der Wende in Tschechien mühsam emanzipiert.
Ein Anruf mitten in der Nacht setzt die Handlung in Gang: Mareks Mutter Dana teilt ihm mit, dass sein Großvater gestorben ist. Was folgt, ist die Reise des längst in Prag lebenden jungen Mannes zurück in die mährische Provinz zur Beerdigung des Großvaters am Ende des gut dreihundert Seiten starken Romans.
Natürlich ist das nicht alles. Den größten Teil nimmt Mareks Erinnerung an die Zeit ein, in der er bei seiner schon bald alleinerziehenden Mutter Dana aufwuchs, in einem Wohnblock ganz in der Nähe jenes großen Betriebs, in dem seine Großmutter und seine Mutter Arbeit fanden und der seit der "Samtenen Revolution" und den folgenden wirtschaftlichen Umwälzungen ums Überleben kämpft.
Für diejenigen, die dort beschäftigt sind, bedeutet das ein Zerbröseln jeder Sicherheit in der Nachwendezeit. Dana, die in prekären Verhältnissen lebt und von Mareks entfernt lebendem Vater materiell kaum unterstützt wird, muss mehrere Entlassungswellen im Werk überstehen. Dass sie dort unter demütigenden Bedingungen arbeitet, realisiert ihr Sohn erst spät. Erst auf der Fahrt zur Beerdigung fügt er diese Erinnerungen mit anderen zusammen, die um die verbreitete Empfänglichkeit für populistische Parolen und das entsprechende Wahlverhalten kreisen, um einfache Lösungsvorschläge für komplexe Probleme, um sichtbare Verrohung im öffentlichen Raum. Und um die Gewalt, die er selbst ausgiebig erfährt und beobachtet.
Der tschechische Lyriker Marek Torcik, geboren 1993 und aufgewachsen in der mährischen Stadt Prerov, legt mit "Was die Zeit nicht nimmt" einen Debütroman vor, der unaufhörlich von einer Vergangenheit spricht, die nicht vergehen will und die teils wie von selbst, teils durch schmerzhaftes Ergründen des Geschehenen ins Bewusstsein seines Protagonisten dringt, der sich mit dem Autor vermutlich mehr als nur den Vornamen teilt. Das gibt auch dem Roman seine Struktur: Erinnert und erzählt wird nicht linear, sondern assoziativ, die Zeitsprünge sind gewollt und bestens motiviert, und für Marek und den Leser gleichermaßen ergibt sich daraus eine Reihenfolge, die vom gerade noch Erträglichen zum Unerträglichen führt, zugleich aber auch von der nicht eingestandenen zur rauschhaft gelebten Liebe, selbst wenn es damit schon bald ein Ende hat.
Der Ort dafür ist die Schule ebenso wie die enge Wohnung, und Marek, der früh entdeckt, dass er nicht zu seiner Umgebung passt, dass er anders ist, wofür das Wort "komisch" noch eine der freundlicheren Umschreibungen ist, Marek also duckt sich weg. Er übt sich darin, unauffällig zu bleiben, den aggressiven Mitschülern keine Angriffsfläche zu liefern, um nicht derjenige zu sein, der auf den Gängen und in den sanitären Anlagen der Schule gedemütigt wird.
Ganz kann er es nicht vermeiden, aber als Marián in der Klasse auftaucht, ebenfalls auffällig und außerdem zur Hälfte Roma, bedeutet das für Marek eine Chance, aus dem Visier der Mitschüler zu geraten. Der Preis dafür, wenigstens vorübergehend vor ihnen Ruhe zu haben, ist leicht zu erkennen: Die Demütigungen, die nun Marián erleidet, dürfen ihn nicht kümmern.
Das ändert sich, als er sich sein Interesse für Marián eingesteht, und zugleich seine Homosexualität. Die Klassenkameraden, die nebeneinander am selben Pult sitzen, verbringen immer mehr Zeit miteinander, in verborgenen Winkeln des Schulgebäudes oder badend am Fluss. Marián, der sehr viel mehr Ausgrenzung erfahren hat als Marek, nimmt die Prügel und die Schikanen der anderen meist stoisch hin und flüchtet sich dafür in eine für andere unzugängliche Welt, die er mit selbstgezeichneten Manga entwirft.
Für das, was Torcik erzählt, findet er eine bestechende Form: Eine ungenannte Instanz redet den jungen Mann, der in der Gegenwart des Jahres 2021 zur Beerdigung fährt, mit "Du" an und führt ihm das vor Augen, was er jahrelang weggeschoben hat. Kein souveränes Ich ordnet die Vergangenheit, kein Erzähler formt und gestaltet selbst das Erlebte. Stattdessen sitzt Marek eine abgespaltene Version seiner selbst gegenüber, die ihn mit den Dingen konfrontiert, die ihn dahin gebracht haben, wo er jetzt ist: weit weg von der Provinz, der Wohnung, der Mutter, mit der er jahrelang kaum mehr als ein paar Worte gewechselt hat.
Wozu führt das? Jedenfalls nicht zu einer von Objektivität bestimmten Erzählweise, denn es sind noch immer Mareks Erinnerungen, auf denen die Erzählung basiert. Aber sie sind anders gewichtet, weil sie das Erlebte und sofort aus dem Bewusstsein Verdrängte aufgreifen und dadurch ein anderes, präsenteres Bild erzeugen. Was das Kind beobachtet hat, besieht nun der Erwachsene. Und besonders der gewalttätige, alkoholkranke Großvater, der nicht nur, aber vor allem im Rausch seinen Angehörigen das Leben zur Hölle machte, gewinnt nun in dieser Zusammenschau stärkere Konturen. Neben das Monster, das seine eigene Tochter einer Zufallsbekanntschaft ausliefern möchte, tritt ein Wesen, das als junger Mann an den Bedingungen in der sozialistischen Tschechoslowakei so sehr leidet, dass es lebenslang alle Sensibilität in Alkohol ertränkt.
Marek jedenfalls weiß unklar, dass er den Verhältnissen entkommen muss, allem voran seiner Schule, und als sich die Gelegenheit zum Wechsel ergibt, ergreift er sie - Marián lässt er zurück, und der verzeiht ihm das nie. Marek will nicht "Bestandteil dessen sein", es betrifft ihn nicht, sein Mantra lautet: "Das da hat nichts mit mir zu tun." Das führt ins Zentrum des Romans: wie die Vorstellung, sich heraushalten zu können, allmählich und nachdrücklich widerlegt wird, auch ohne äußeren Druck.
Für seine Mutter ist die Inspektion der Vergangenheit überflüssig und sinnlos, wie sie sagt. "Statt zu antworten, öffnest du nur erneut den Mund und versuchst es zu benennen, eine Scherbe nach der anderen auszugraben, sie zu Worten zusammenzusetzen, zu Bildern, und so vielleicht zu verhindern, dass etwas davon jemand anderem passieren könnte." Dass sich sein Roman ersichtlich aus diesem Impuls speist, aber doch weit darüber hinausgeht, erweist Torcik als einen Erzähler von Rang. TILMAN SPRECKELSEN
Marek Torcík: "Was die Zeit nicht nimmt." Roman.
Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch. Anthea Verlag, Berlin 2026. 320 S., geb.
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