Der Anpassungsdruck der Welt von heute ist am Ende hoch und wird immer höher. Haben die Peinlichkeiten in früheren Zeiten momentane Scham und durchaus auch Gelächter anderer hervorgerufen, dann war es meist aber auch gut, ist in einer Welt des "Shit-Storms", der "Social-Media", der massiven Polarisierungen und der "gnadenlosen" Haltung, die eigenen Emotionen und Aggressionen "bis zum Letzten" an "Opfern" abzureagieren, da kann man absolut verstehen, dass viele Menschen mehr und mehr versuchen, "unter dem Radar" zu schwimmen. "Es war Valentinstag 2013 und ich bekam gerade kalte Füße. Nein, nicht im übertragenen Sinn" (obwohl das auch auf den Rest des Romans und der Person zutreffen würde). So beginnt die junge Ich-Erzählerin ihre Geschichte, die einerseits ein "Coming-of-Age" darstellen wird, je mehr sie es wagt (durch Hilfe), zu ihren inneren Vorlieben zu stehen.Die andererseits der Welt von heute einen massiven Spiegel vorhalten wird. Denn wer es schon nicht wagt, ihrem Freund Fabian dies einfach mitzuteilen. Weil an eben "Cool" zu sein hat (auch wenn es Eis-Füße ja tatsächlich betrifft) und auf keinen Fall "Cringe" riskieren möchte (sich vor andern unbedacht zu entblößen und dann vorgeführt, lächerlich gemacht, runter gemacht zu werden), wie soll das erst allen anderen gegenüber sein. Wenn es zudem noch das Wichtigste der Welt ist, "Dazuzugehören".Auch wenn das bedeutet, einen großen Teil der eigenen Vorlieben und der eigenen Person ständig hinter einem Rollenspiel des Lebens verstecken zu müssen. Auf die einfachste Lösung, sich ein Umfeld zu suchen, dass einen nimmt, wie man ist, oder sogar exotische Vorlieben wie Nutella oder "seichte Musik" gar selbst gut zu finden, das ist die Crux nicht nur der Erzählerin des Romans.Und das braucht, da erzählt Verena Bogener sehr realistisch, oft den Zufall von Begegnungen.Die den Blick dafür öffnen, dass es auch anders sein kann. Womit das Problem aber nicht wie durch ein Wunder gelöst ist. Sondern, Bogner geht dem fassbar und empathisch nach, es folgt die schwierigste Aufgabe noch.Wer so lange jede Fahne nach dem Wind ausgerichtet hat, der hat weitgehend gar nicht entwickelt, in der Tiefe zu wissen, wer man denn eigentlich ohne dieses Rollenspiel überhaupt wirklich ist. Bogner trifft auf diesem Weg mit jeder Seite präzise den Ton. Den Ton der Zeit, den Ton vor allem, das innere Erleben der jungen Frau emotional fassbar in den Raum der Seiten zu stellen. So fassbar, dass es schon weh tut, den Verbiegungen zu folgen. Und den einfach nicht zu verhindernden Momenten, in denen das "Un-Coole" sich dann doch vor aller Augen Bahn bricht. Und man "Die Spitze von Cringe-Mountain (ungewollt) erreicht". Trotz aller Versuche, das zu vermeiden.Was für ein Erlebnis, dann auf Menschen zu treffen, für die man keine Rollen spielen muss. Die einen nehmen, wie man ist.Aber wer ist man denn? Flüssig und mit Humor, ernst am rechten Moment und immer auf den Punkt bricht Bogner eine Lanze für all das, was jeder an sich selbst "zum Schämen" findet. Gegen all den Druck, "funktionieren, "schlank sein", "cool sein", "fit sein", "erfolgreich", "begehrt sein" zu müssen. Mit allen Tricks, kosmetischen Hilfen, Kleidungsvorschriften und vielem mehr, was die Welt einem aufdrängt, zur Verfügung stellt und, im Übrigen, für teuer Geld zu verkaufen gedenkt. Ein Erlebnis und ein Page-Turner, dessen Lektüre in keiner Form bereut werden wird.