Verena Bogner hat mich mit ihrem Debütroman I am cringe, but I am free von der ersten bis zur letzten Seite begeistert!
Die namenlose Ich-Erzählerin hat von klein auf das Gefühl, die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen: Nie fühlt sie sich schlank, edgy, cool genug, immer scheint etwas falsch an ihr zu sein. Deshalb versucht sie permanent, es allen recht zu machen, sei es ihrem Vater oder ihrem arroganten Freund Fabian und dann ihrem hippen Arbeitgeber. Dabei stolpert sie jedoch von einem Fettnäpfchen ins nächste diese Situationen sind oft gleichermaßen tragisch wie komisch:
Hätte ich bloß auf Flora gehört []. Denn das hier war mehr als ein witziger Date-Fail, den man seinen Freund:innen zur allgemeinen Belustigung erzählt. Dieses Date stand stellvertretend für etwas viel Größeres. Was sich Fabian ausgedacht hatte, ging so was von dermaßen an meiner Persönlichkeit vorbei. Hatte ich mich all die Monate für Fabian so sehr verstellt, dass er dachte, mir würde das hier tatsächlich gefallen? Es sah ganz danach aus. Wie peinlich.
Jetzt musste ich es irgendwie wieder runterschaffen von diesem gottverdammt hohen Berg aus Selbstverleugnung und Unsicherheiten.
Erst dank ihrer Freund*innen Flora, Josef und Rosalie, die sie so lieben wie sie WIRKLICH IST, und mithilfe einer echt genialen Therapeutin findet sie den Mut, sie selbst zu sein.
Ich hatte mein Leben lang versucht, nicht cringe zu sein. Frei von Peinlichkeit, frei von Verletzlichkeit, ganz ohne Angriffsfläche den Menschen gefallen, von denen ich dachte, dass sie mir helfen könnten, bei dieser absurden, unmöglichen Mission. Wobei, vielleicht war es in Ansätzen möglich, nicht peinlich zu sein. Niemals das Falsche zu sagen, immer das Richtige gut zu finden und den besseren Menschen in den Arsch zu kriechen. Aber das konnte doch niemand freiwillig und wahrhaftig wollen, oder? So richtig aus tiefem Herzen? Es war so verdammt anstrengend, es zu wollen, kostete so viel Energie, brachte doch so viel Selbstzweifel und leider auch Selbsthass mit sich, dass man am Ende doch wieder nichts gewonnen hatte, oder? Ich wusste es aus eigener Erfahrung: Ja, das war es. So sah jedenfalls nicht das gute Leben aus, das ich mir für mich wünschte. Und irgendwie war es ja auch peinlich, so unbedingt nicht peinlich sein zu wollen.
Viel zu lange war ich diesem unerreichbaren Ziel hinterhergejagt, nichts an mir zu haben, für das mich jemand beschämen oder für das sich jemand fremdschämen könnte. Dabei gab es doch nur eine logische Konsequenz. Das Ziel konnte nicht sein, nicht cringe zu sein, sondern den Cringe zu akzeptieren.
Ich konnte mich so, so gut mit der Protagonistin identifizieren, sie ist sehr nahbar dargestellt und ich fand sie einfach sympathisch. Auch die anderen Charaktere haben mich voll überzeugt, besonders Josef, Flora und Rosalie, aber auch die Mutter der Erzählerin.
Verena Bogners Schreibstil gefiel mir sehr gut, humorvoll und selbstironisch, ehrlich und nahbar - und dabei mit ganz viel Herz und Tiefe.
I am cringe, but I am free ist für mich ein echter Feel-Good-Roman, gleichzeitig aber auch eine knallharte Abrechnung mit dem gesellschaftlichen Druck, immer perfekt und cool zu sein. Zusätzlich bringt die Autorin aktuelle, wichtige Themen in die Handlung mit ein: Bodyshaming, den Performance-Druck einer toxischen Arbeitswelt, Scham und starke Selbstzweifel.
Für diesen großartigen Coming-of-Age-Roman gibt es von mir 5 Sterne und eine eindeutige Leseempfehlung!
Vielen Dank an den park x ullstein Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!