Das Dorf Benetzko im sudetischen Riesengebirge in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Hier im Grenzgebiet leben und arbeiten deutschsprachige und tschechische Einwohner friedlich zusammen, lieben, heiraten und streiten sich. Zdenka Honc, eine Tschechin, und Anežka Braun, eine Deutsche, wachsen dort auf. Die beiden Freundinnen müssen im Verlauf der Jahrzehnte einiges verkraften. Das Schicksal meint es nicht immer gut mit ihren Familien. Doch die Frauen vergessen einander nicht.
Geteiltes Haus ist ein Roman von Alice Horáková aus dem Jahr 2022, der nun erstmals auf Deutsch erschienen ist.
Eingerahmt von einem Pro- und einem Epilog, erstreckt sich die Geschichte über sechs Teile, die wiederum aus etlichen kurzen Kapiteln bestehen. Die Handlung umfasst die Zeit der K.-u.-K.-Monarchie bis zum Jahr 1948, also etwa fünf Jahrzehnte. Erzählt wird chronologisch und aus wechselnder Perspektive.
In der Geschichte verarbeitet die Autorin einen Teil ihrer bewegten und interessanten Familienhistorie. Vor allem zwei Familien stehen im Fokus: die von Zdenka und die von Anežka. Das Personal des Romans ist aufgrund einiger Nebenfiguren dennoch umfangreich und vor allem zu Beginn überfordernd. Aber der Überblick mit den wichtigsten Personen erweist sich - ebenso wie die Liste der Ortsnamen in beiden Sprachen - als sinnvolle und hilfreiche Ergänzung.
Trotz autobiografischer Elemente ist der Roman aber mehr als nur ein deutsch-tschechischer Familienepos. Im Kleinen, auf der Ebene der zwei Freundinnen und ihrer Familien, veranschaulicht er, wie sich die politischen Verwerfungen über den Ersten und Zweiten Weltkrieg bis zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Sudetenland auf die Entwicklung eines ganzen Landstriches auswirkten. Zudem zeigt der Roman exemplarisch, wie die privaten Schicksale einfacher Leute den politischen Umständen und zeitgeschichtlichen Strömungen unterworfen sind.
Auf den fast 870 Seiten bleibt die Geschichte trotz des großen Umfangs beinahe durchweg kurzweilig und abwechslungsreich. Eine große Stärke des Romans ist es, dass er die deutsch-tschechischen Beziehungen beleuchtet und zu einem besseren Verständnis zwischen beiden Nationen beiträgt, indem er frühere Konflikte, komplexe Zusammenhänge und unterschiedliche Sichtweisen eindrücklich darstellt. Damit geht der Wert dieses Buches weit über bloße Unterhaltung hinaus.
Als gelungen habe ich auch die anschaulichen Beschreibungen und authentisch klingenden Dialoge empfunden. Die ausgezeichnete Übersetzung von Sophia Marzolff ist angenehm idiomatisch und unauffällig.
Der deutschsprachige Titel verweist auf die Situation in Benetzko nach der Besetzung des Sudetenlandes im November 1938, als der Ort zweigeteilt wurde: der obere Teil gehörte zu Deutschen Reich, der untere Teil zur Tschechoslowakische Republik. Schade nur, dass die Diogenes-Ausgabe anders als das Original auf das historische Foto der Vorfahrin der Autorin verzichtet.
Mein Fazit:
Geteiltes Haus von Alice Horáková ist eine überzeugende Familiensaga, die zugleich unterhaltsam als auch aufschlussreich ist. Ein Roman, dem ich noch viel Aufmerksamkeit wünsche. Unbedingt empfehlenswert!